Marc Müller: Marc: Moin. Das ist Vitalzeichen, der Biomedizintechnik Podcast der Leibniz Universität Hannover. Ein Transferprojekt mit Studierenden, medizintechnischen Entwicklungen und dem Blick in die klinische Praxis.
Lucy: Lucy: Was moderne Wundauflagen heute leisten können und warum dabei sogar Fischhaut eine Rolle spielt, darüber wollen wir heute sprechen und vielleicht auch noch ein kleines bisschen über Star Wars. Ich bin Lucy.
Yavuz: Yavuz: Hallo, ich bin Yavuz.
Lucy: Lucy: Und damit willkommen zu einer neuen Folge unseres Podcasts Vitalzeichen. Wir sind Studierende vor allem aus dem Bereich Medizintechnik und Maschinenbau und uns interessiert, was hinter aktueller medizinischer Forschung steckt. Dafür laden wir Expertinnen und Experten ein, uns zu erzählen, woran sie gerade arbeiten. Heute bei uns ist Herr Professor Dr. Lars-Peter Kamolz von der Medizinischen Universität in Graz. Wir freuen uns, dass Sie hier sind und dass Sie sich die Zeit für unsere Fragen nehmen.
Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz: Kamolz: Ja, vielen Dank für die Einladung.
Yavuz: Yavuz: Sie sind seit über 30 Jahren als Arzt im klinischen Bereich tätig. Wenn ich über Sie recherchiere, als Experte und Klinikvorstand, dann fallen Begriffe wie Plastische Chirurgie, Regenerative Medizin, Verbrennungsmedizin, Tissue Engineering, also das Züchten von lebendem Gewebe. Sie sind außerdem Direktor des COREMED Kooperationszentrums und leiten dort die interdisziplinäre Forschungsgruppe. Möchten Sie etwas ergänzen?
Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz: Kamolz: Nein, also das mit dem Alter hätten Sie weglassen können, zu sagen, wie lange ich schon beruflich tätig bin, aber es stimmt grundsätzlich.
Yavuz: Yavuz: Außerdem habe ich festgestellt, dass Sie aktiv in sozialen Medien unterwegs sind und dort auch Wissenstransfer leisten. Was mir aufgefallen ist, ist Ihre innovative Ausrichtung. Sie betonen manchmal, dass Science-Fiction-Filme, wir haben gerade das Thema Star Wars gehabt, nicht unbedingt realitätsfern sein müssen. Wir werden später auf dieses Thema noch zu sprechen kommen. Vorher wollten wir Ihnen ein paar Kurzfragen stellen, um Sie ein bisschen persönlich kennenzulernen. Sind Sie bereit?
Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz: Kamolz: Ja.
Yavuz: Yavuz: Waren Sie eher Musterschüler oder Klassenclown?
Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz: Kamolz: Leider Musterschüler. Also ich war ein Wesen, das sehr verstrebt war. Also ich wollte immer sehr gern, wenn nicht der Beste, dann zumindestens bei den Besten sein, was es natürlich nicht sehr sympathisch macht, aber ich muss ehrlich sein.
Lucy: Lucy: Die erste Star Wars-Frage: Lieber Episoden eins bis drei oder vier bis sechs?
Lucy: Kamolz: Also ich muss gestehen, ich mag lieber die alten Teile. Das stammt eigentlich aus der Zeit her, wo ich jung war und wie gesagt, das sind auch mehr die Teile, die mich ansprechen.
Yavuz: Yavuz: Wie hat Sie dieser Science-Fiction-Film im Kontext von Vision und Innovation geprägt?
Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz: Kamolz: Man muss eigentlich wirklich sagen, es aus mehrererlei Hinsicht hat's ein' geprägt. Einerseits ist es so ein komisches Phänomen, dass sehr häufig, nennen wir es jetzt mal Schurken oder böse Menschen im Fernsehen und in Filmen Brandverletzte sind. Also das ist bei Star Wars ja genauso, aber auch bei Freddy Krueger, Nightmare on Elm Street und so, ist auch leider, der Böse hatte Verbrennungen erlitten. Das hat mich natürlich indirekt ein bisschen angesprochen gehabt und natürlich gerade bei Star Wars, weil es da nicht nur darum geht, dass der eine Brandverletzung erlitten hat, sondern auch wie er behandelt wurde. Und da spielt dann natürlich sehr genau rein in den Bereich: was ist jetzt wirklich damals Science-Fiction gewesen und was ist mittlerweile eigentlich in der Medizin schon angekommen? Und daher beschäftigt einen einfach dieses Thema ein bisschen.
Lucy: Lucy: Ja, danke. Damit sind wir eigentlich auch schon bei unserem eigentlichen Thema, den Wundauflagen. Die Haut übernimmt ja sehr vielseitige Aufgaben, zum Beispiel als Sinnesorgan. Sie schützt uns vor äußeren Einflüssen und reguliert den Wasser- und Wärmehaushalt. Bei Verletzungen kann sie sich bis zu einem gewissen Grad selbst regenerieren, doch insbesondere bei tiefen Wunden oder wenn große Hautareale – also wir hatten schon die Verbrennungen angesprochen – betroffen sind, ist der Heilungsprozess deutlich eingeschränkt. In solchen Fällen kann eine Wunde dann zu einer ernsthaften medizinischen Herausforderung werden. Herr Kamolz, wo sehen Sie aus klinischer Sicht die größten Herausforderungen bei der täglichen Versorgung dieser Wunden?
Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz: Kamolz: Sie haben schon sehr richtig gesagt, dass die Schwere einer Verletzung natürlich von der Tiefe der Schädigung abhängt. Also das heißt, wenn wir jetzt zum Beispiel eine Verbrennung nehmen: welche Schichten der Haut sind betroffen beziehungsweise zerstört? Das ist Punkt Nummer eins. Punkt Nummer zwei ist natürlich, der auch entscheidend beeinflusst die Schwere einer Verletzung oder auch einer Verbrennung, natürlich die betroffene Körperoberfläche. Ja, es macht einen Unterschied, ob ein Prozent Körperoberfläche betroffen sind oder 20, 30, 40, 70, 80 Prozent. Das heißt, die Schwere dieser Verletzung wird einerseits bestimmt durch die Tiefe und natürlich auch durch das Ausmaß der Schädigung und die zwei sind eigentlich die Schlüsselfaktoren für die Schwere der Verletzung.
Lucy: Lucy: Wo liegt dann die Herausforderung in der klinischen Versorgung, in der alltäglichen Versorgung dieser Wunden?
Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz: Kamolz: Na ja, das Hauptproblem ist einfach, dass – Sie haben es auch schon erwähnt – das ein bisschen das Hauptproblem ist: wenn die Haut zerstört ist, gehen die Funktionen verloren, ja. Das heißt im Endeffekt, man ist ausgeliefert Keimen und damit potenziellen Infektionen. Der Körper kühlt aus und so weiter und so fort. Und deswegen ist natürlich das Wichtigste auch da wieder: je größer die Fläche ist, die betroffen, desto wichtiger wird es natürlich auch, dass man die Wunden möglichst rasch verschließen kann. Und was natürlich auch damit verbunden ist: je größer und je tiefer die Wunden sind, desto weniger hat man eventuell eigene Haut zur Verfügung, um die Wunden verschließen zu können. Und das macht dann einfach diese Komplexität dieser Verletzungen aus. Häufig einfach ein Mangel an Möglichkeiten. Wir haben dann zwar temporäre Lösungen, die uns dabei helfen, aber das Hauptproblem ist, dass wir in manchen Fällen wenig eigenes Gewebe haben, auf anderes Gewebe zurückgreifen müssen, immer mit dem Ziel, die Wunden möglichst rasch zu verschließen.
Lucy: Lucy: Und wenn jetzt quasi kein Gewebe eingesetzt wird, dann werden ja so klassische Wundauflagen verwendet. Und die übernehmen nur ganz eingeschränkt die Funktion der eigentlichen Haut. Also sie schützen die Wunde dann vor äußeren Einflüssen. Sie nehmen teilweise das Wundsekret auf und schaffen oder sollen ein günstiges Milieu für die Heilung schaffen. Können Sie aus Ihrer Erfahrung sagen, wo klassische Wundauflagen an ihre Grenzen stoßen? Und was würden Sie sich wünschen, um Wunden besser versorgen zu können?
Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz: Kamolz: Ja, klassische oder frühere, nennen wir es jetzt mal herkömmliche Verbandsmaterialien, hatten häufig eigentlich die Hauptaufgabe, die Wunde zu bedecken, abzudecken. Und die Heilung hat dann je nach Tiefe der Schädigung oder Ausmaß der Schädigung der Körper übernommen. Und ein bisschen geht es in die Richtung einfach, dass die Verbände oder solche Haut- und Hautersatzmaterialien nicht nur das bewerkstelligen können, sondern eigentlich den Körper aktiv unterstützen bei der Heilung. Und deswegen geht es ein bisschen mehr auch in diese Richtung, zu sagen: wie kann man die Wundheilung aktiv unterstützen, damit das einerseits deutlich schneller geht und andererseits die Heilung deutlich besser abläuft und damit langfristig möglichst gute, funktionelle und ästhetische Ergebnisse erzielt werden können? Also der Shift war eigentlich von der reinen Abdeckung hin zu einem aktiven Unterstützen der Heilung.
Yavuz: Yavuz: Ja, Sie haben diesen Wechsel von alten Verbandmaterialien zu neuen Ansätzen schon angesprochen. Da haben sich ja verschiedenste Forschungsgruppen weltweit mit neuen innovativen Ansätzen beschäftigt. Ich würde mal gerne eine Frage an die Zuhörerinnen stellen: könnt ihr euch vorstellen, einen Minicomputer auf Ihrer Wunde zu tragen? Das ist einer der Ansätze, die gerade in der Forschungslandschaft aktiv thematisiert werden. Das nennt sich Smart Dressing. Und da würde ich gerne eine Frage an Sie richten, Herr Kamolz: wie würden Sie Menschen, die Pflaster aus der Apotheke kennen oder dies ganz normale Verbandmaterial, wie würden Sie diesen Menschen Smart Dressing erklären?
Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz: Kamolz: Ja, eigentlich fängt der Übergang schon da an, dass wir sagen, alles, was jenseits davon ist, dass es nur eine Wundabdeckung ist, sondern mehr kann, dann fängt es an, smart zu werden. Ja, das ist so eine ganz einfache Definition. Das reicht je nach Material von, nennen wir es mal so, vielleicht wirklich Materialien, die Substanzen freisetzen über die Zeit und dadurch die Wundheilung beeinflussen. Das können nennen wir es jetzt mal so im Bereich sein, dass deutlich weniger Schmerzen sind oder dass die Wundheilung beschleunigt wird. Aber es könnten wirklich auch in dem Bereich sein, dass man sagt: kombinierten Verbandsmaterial mit einem Farbstoff. Wenn es zu Veränderungen in der Wunde kommt, dass sich dann die Farbe des Verbandes ändert. Bis schließlich und endlich so in die Richtung, wie Sie es gesagt haben, dass man Sensoren verbaut, die auch zusätzliche Informationen liefern oder umgekehrt, vielleicht die die Wunde auf elektrische oder mechanische Weise stimulieren, dass die Wundheilung schneller geht. Also das ist ein bisschen so der Bereich, dass man sagen, dass neben der Wundabdeckung ein Verband auch dazu dienen kann, die Wunde besser beurteilen zu können, in Richtung Wunddiagnostik, und andererseits dann auch noch die Behandlung unterstützt.
Yavuz: Yavuz: Da hatten wir gerade schon den Begriff Wundsekret gehört, den hatte Lucy schon genannt. Es braucht ja im Prinzip eine Schnittstelle zwischen der Physiologie und den Sensoren, die miteinander interagieren. Und da scheint, wenn ich das richtig verstehe, das Wundsekret als – das haben Sie bezeichnet als diagnostisches Fenster und Informationsquelle – eine Rolle spielt. Können Sie da näher drauf eingehen?
Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz: Kamolz: Na ja, wir haben natürlich relativ viele, wir nennen das so wie Marker, Biomarker, Marker, die uns Informationen geben über die Wunde, ja. Das fängt mit ganz einfachen Faktoren an, wie ein pH-Wert einer Wunde oder auch die Temperatur der Wunde. Das beginnt mit ganz einfachen Sachen. Aber es kann auch mehr gehen und da glauben wir gerade, dass das Wundsekret Informationen liefern kann, ja. In die Richtung: was ist in der speziellen Wunde, was läuft dort falsch unter Anführungszeichen? Oder welche Bedürfnisse hat eine Wunde? Und ganz einfach gesagt, wir haben ja zum Beispiel in der Wundheilung unterschiedliche Phasen. Und da ist zum Beispiel eine der Phasen die Entzündungsphase. Und wenn die Wunde länger in dieser Phase verbleibt, dann kann die Wunde zum Beispiel chronisch werden. Das heißt, dass sie im Abheilen verzögert ist oder es können verstärkt Narben entstehen. Und das wären natürlich wichtige Information, zu schauen: ist genau diese Wunde in dieser Phase und steckt sie da unter Anführungszeichen fest? Und wie kann man das eventuell beeinflussen? Und das ist mit einer der Hauptsachen. Dann ist nämlich genau auch wieder der Link dazu: diagnostische Informationen zu kriegen, die es einem dann ermöglichen, die Wunden zukünftig besser behandeln zu können. Auch das war früher immer so, früher war die Wundbehandlung einfach, wir nennen das Eminenz-basiert. Das heißt, der Experte hat gesagt: er schätzt, das und das braucht die Wunde und das machen wir. Und wir wollen ja doch in die Richtung Evidenz-basiert gehen, das heißt: Zahlen, Daten, Fakten steuern unsere Behandlung. Und da spielen natürlich auch wiederum solche Marker eine Rolle, weil es die einem ermöglichen, die Wunde besser zu beurteilen und auch in einem gewissen Maße dabei unterstützen, zu objektivieren. Also deswegen ist das heute mittlerweile wirklich mehr von Eminenz zu Evidenz und mehr von reiner Wundabdeckung in Richtung Wunddiagnostik und Therapie. Und wie gesagt, deswegen das Wundsekret ist eines dieser Schlüsselfaktoren für mich, wo ich glaube, dass wir in Zukunft deutlich mehr drüber Information bekommen, was die Wunde braucht und wie wir behandeln können oder sollten.
Yavuz: Yavuz: Das heißt, man möchte einen Teil der Entscheidung und der Steuerung der Wundheilung abgeben an Technik, an Technologie, dass wir im Prinzip das medizinische Fachpersonal auch dabei unterstützen. Da scheinen Daten eine große Rolle zu spielen. Wie kann ich mir das praktisch vorstellen? Das Sensorband, Verband wird auf die Wunde gelegt und dann werden Daten aufgenommen. Und wie geht's dann weiter?
Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz: Kamolz: Es ist so: in vielen Bereichen der Medizin erfassen Sie heute Daten, ja. Sie können Bildgebung machen, Sie können Röntgen machen, Sie können CT machen, Sie können Laborwerte erfassen – alles Mögliche. Und das war viele Jahre lang in der Wundbehandlung nicht, noch nicht State of the Art. Da war mehr oder weniger das Wichtigste so die das Gefühl: wie schaut die Wunde aus? Was braucht vielleicht die Wunde? Und dann ein bisschen in die Richtung zu gehen: wir haben was ausprobiert. Der große Vorteil ist: wir verwenden heute mittlerweile deutlich mehr Messverfahren oder einfach gesprochen Tools, um die Wunde zu beurteilen, um zu messen. Und basierend auf diesen Ergebnissen haben wir natürlich zukünftig auch die Möglichkeiten, dann Entscheidungen zu treffen. Wobei man sagen muss, es wird wie in allem in der Medizin wird es darum gehen, dass das eine, eine Unterstützung bei der Entscheidung ist, ja, also ein Decision Support. Es wird nicht darum gehen, dass das komplett die Entscheidung übernehmen wird, sondern es ist eine Unterstützung. Die Entscheidung wird weiterhin der Arzt oder eine Wundschwester oder wer auch immer übernehmen, aber es liefert die Zahlen, Daten, Fakten, auf denen dann die Entscheidungen deutlich besser durchgeführt werden können. Und da spielt natürlich, wie Sie gesagt haben, Daten und darauf basierend auch KI und dergleichen natürlich eine entscheidende Rolle. Das kann Sensoren in einem Verband sein. Das können aber eine Mischung von Daten sein, ja und ich glaube, das ist in Wirklichkeit das Realistische: man kann die Durchblutung messen mit Geräten wie mit einem Laser-Doppler oder mit einer Hyperspektralkamera. Die liefert dann Ergebnisse. Ein Teil liefert vielleicht die Wunde und das Wundsekret und all das wird zusammengetragen, um dann in dem Bereich Wunddiagnostik bessere Ergebnisse oder Daten zu bekommen und darauf basiert besser Entscheidungen treffen zu können. Also es wird nicht die eierlegende Wollmilchsau geben, das heißt: ein Parameter bestimmt alles, sondern es wird höchstwahrscheinlich wie alles im Mensch, was ein bisschen komplexer ist, mehrere Parameter zusammen sein, die es uns dann erlauben, deutlich besser zu diagnostizieren und zu behandeln.
Lucy: Lucy: Sie haben jetzt schon mehrfach so die Bedürfnisse einer Wunde angesprochen. Ich kann mir darunter jetzt noch nicht so viel vorstellen. Also natürlich so ein Bedürfnis: die Wundauflage sollte gewechselt werden, die Wunde sollte an die Luft kommen. Was sind denn so Bedürfnisse einer Wunde, die dann so moderne Wundauflagen übernehmen könnten?
Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz: Kamolz: Also solche Bedürfnisse könnten einfach sein, nur als Beispiel mal, um das jetzt plastisch zu zeigen. Wir haben früher bei oberflächlichen Verbrennungen bestimmte Salbenverbände gehabt, die man täglich wechseln musste. Und mittlerweile gibt's moderne Materialien wie beschichtete Schaumstoffe oder dergleichen, die man nicht täglich wechseln muss, sondern die man einige Tage belassen kann. Und das heißt natürlich einerseits eine Reduktion der notwendigen Verbandswechsel, heißt aber auch deutlich weniger Schmerzen, weil man die Anzahl an Verbandswechsel reduzieren kann. Das heißt, das ist zum Beispiel so ein Faktor, der eine entscheidende Rolle spielt, ja. Also es sollte die Wunde selbst bestimmen, wie oft der Verband gewechselt werden muss. Also die Entscheidung sollte vorgeben: was braucht die Wunde und nicht: was kann das Verbandsmaterial? Und ich bringe da immer einen Spruch, dass ich sage: Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zupft. Und das gleiche ist bei der Wunde. Die Wunde heilt nicht unbedingt schneller, nur weil man sie täglich verbindet. Manchmal stört man einfach auch die Wunde beim Heilen, gerade wenn das eine komplikationsarme oder komplikationslose Wunde ist, dann schafft das der Körper sehr gut alleine. Sondern es geht darum: was braucht die Wunde und dann auch die richtigen Intervalle zu finden. Darum geht's ja.
Yavuz: Yavuz: Ja, wir hatten gerade den, sage ich mal, technologischen Ansatz, dass wir mit Hilfe von Sensoren, sage ich mal, an der Wunde messen. Da spielen dann verschiedene Parameter, haben Sie gesagt, eine Rolle: pH-Wert, Temperatur oder andere Biomarker. Es können auch bildgebende Verfahren angewendet werden. Das ist so die technologische Seite. Dann gibt es einen weiteren Ansatz, da haben Sie sich auch mit beschäftigt. Das nennt sich Fischhautpräparate als biologische Wundauflagen. Das mag für einige vielleicht erst mal ungewöhnlich erscheinen. Handelt es sich hierbei um Science-Fiction oder was hat das Ganze mit der Realität zu tun oder mit den Star Wars-Verbrennungen, die Sie des Öfteren erwähnt haben?
Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz: Kamolz: Na ja, man muss ganz einfach sagen: im Bereich Haut- und Hautersatzmaterialien reden wir immer von zwei großen Gruppen. Die eine Gruppe sind synthetische Materialien und das andere ist eine Gruppe von biologischen Materialien. Und bei den biologischen Materialien gibt's viele Materialien auch, die in gewissem Maße einen tierischen Ursprung haben. Da gibt's dann Produkte, die zum Beispiel aus Rinderkollagen sind oder wie gesagt auch Fischhaut. Und die wirken je nach Indikation ein bisschen unterschiedlich. Ganz interessant ist eigentlich vor allem daher, woher die kommen. Das ist deswegen ganz interessant, dass viele Firmen im Bereich Technologien Branchenleader sind oder Kompetenzträger sind. Ich nehme jetzt mal ein Beispiel von einem Produkt, das beruht auch auf dem Verfahren der Gefriertrocknung. Viele kennen gefriergetrocknetes Obst im Müsli. Und eine dieser Firmen hat dann angefangen, Rinderkollagen, Rinderhaut gefrierzutrocknen und daraus ist dann ein Hautersatzmaterial geworden. Im Bereich synthetischer Materialien gibt's das auch, dass zum Beispiel eine Firma, die ursprünglich vielleicht im Bereich Textilien unterwegs war, plötzlich ein Verbandsmaterial entwickelt, weil die einfach für bestimmte Verfahrenstechniken, Verfahrenstechnologien die Experten sind und diese Verfahren in unterschiedliche Bereiche transferieren. Bei der Fischhaut ist es ebenso, die ist ein klassisches Abfallprodukt der Lebensmittelindustrie, weil die Fische oder die Fischhaut wird eigentlich ja verworfen. Und in dem Fall wird die Fischhaut verarbeitet und dann bleibt eigentlich, sagen wir mal so ein, eine Matrix über mit Inhaltsstoffen, die man dann auf die Wunde draufgeben kann und die dann die Wundheilung beeinflussen. Also genau wie vorher gesagt, eigentlich so ein bisschen biologisch aktiver Verband, ja und in dem Fall wird wirklich die Entzündungsreaktion beeinflusst, die Bildung von neuem Gewebe wird beeinflusst, die Schrumpfung und Narbenbildung, also da kann man wirklich sagen, dass dieses Material einen direkten Einfluss hat auf die Wundheilung. Und in dem Fall ist es wie gesagt fischigen Ursprungs.
Yavuz: Yavuz: Ja, Sie hatten gerade erwähnt, dass die Reste verwendet oder verwertet werden. Wenn ich mich richtig informiert habe, werden wild gefangene Ressourcen verwendet anstatt Zuchtfisch, obwohl es jetzt erst mal einfacher verfügbar wäre. Warum ist diese Unterscheidung wichtig?
Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz: Kamolz: Die Unterscheidung ist theoretisch eigentlich überhaupt nicht wichtig in dem Fall. Was die Firma sich auf den, auf die Fahnen heftet, ist ganz einfach, dass sie sagt: dieses Produkt stammt aus der kommerziellen Fischindustrie, dass sie eigentlich alles verwenden. Und die Fischhaut, die sonst verworfen wird, nicht verworfen wird. Und der Fisch da oben hat gewisse Vorteile in Island, weil einfach aufgrund des kalten Wassers die Haut sehr dick ist, bestimmte Hautinhaltsstoffe drin sind und bestimmte Inaktivierungen relativ milde erfolgen kann und deswegen bestimmte Wirksubstanzen auch noch in einem hohen Ausmaß drin sind. Aber es gab auch schon Versuche mit anderen Produkten tierischen Ursprungs. Es gab schon Fischhaut auch genauso aus dem südamerikanischen Raum oder es gab die Schweinehaut, wobei bei der Schweinehaut immer das Problem natürlich war, dass bestimmte Menschengruppen Schwein nicht so gern – unter Anführungszeichen – ihnen der Glaube oder so verbietet das. Und da ist der Fisch einfacher. Kenn' nämlich keine Religion oder so, die denen die Fischhaut verbietet oder die ein fischbasiertes Produkt verbietet. Und wie gesagt, dass dort basierend auf den Ergebnissen direkte Wirkungsnachweise möglich sind, wie das wirkt und wie das funktioniert.
Yavuz: Yavuz: Und da spielt, wenn ich es richtig verstehe, die Omega-3-Fettsäure eine, eine Rolle?
Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz: Kamolz: Ja, also das ist eines natürlich auch der in der Literatur bekannten Inhaltsstoffe. Wir haben selber dazu Studien gemacht: was passiert in der Wunde? Da können wir jetzt wieder sagen: was passiert in der Wunde? Welche Biomarker werden da rauf- oder runterreguliert? Und da kann man wirklich sagen, dass am Anfang die Entzündungsreaktion angestartet wird, aber relativ schnell runterreguliert wird, weil wir wollen ja keine verlängerte Entzündungsreaktion haben. Wir wissen aber auch, dass das neue Gewebe gebildet wird, viel, ohne zu schrumpfen. Wir wollen ja keine Schrumpfung haben. Also da weiß man ganz gut, wie dieses Material wirkt und funktioniert.
Yavuz: Yavuz: Sie hatten schon die chronischen Wunden thematisiert. Und bei der Recherche ist mir eines aufgefallen: ich habe festgestellt, dass oft Risikofaktoren erwähnt werden wie Diabetes oder ein hohes Alter, die auf die chronischen Wunden zurückzuführen sind. Ich frage mich aber auch, ob der Ernährungsstatus eine Rolle spielt und wie ein Omega-3-Mangel die Entzündung oder die Wundheilung beeinflusst. Was sind da Ihre Beobachtungen bei insbesondere für junge oder ansonsten gesunde Menschen?
Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz: Kamolz: Also grundsätzlich muss man dazu mal sagen, dass ein junger Patient mit normalen Wunden selten Probleme hat, ja. Probleme treten dann entweder auf, wenn die Wunden sehr groß sind und Infektionen dazu kommen, dann kann es einerseits zu einer verzögerten oder problematischen Wundheilung kommen. Problematischer ist das Ganze eigentlich bei diesen klassischen chronischen Wunden, die Sie erwähnt haben, wo mehr oder weniger Begleiterkrankungen eigentlich das große Problem sind, ja. Auch da ist schon gefallen der Begriff Diabetes oder Durchblutungsstörung oder, oder Mangelernährung und solche Faktoren. Und da ist es natürlich dann ganz, ganz wichtig, dass neben der Wundbehandlung auch die Behandlung der Grunderkrankung ganz, ganz wichtig ist. Weil Sie werden die Wunden nicht zur Heilung bringen, wenn das Grundproblem nicht behoben werden kann oder nicht behoben wird. Und ein häufig glaube ich unterschätztes Problem ist, wie gesagt, bestimmte Mangelernährungen, Mangelernährungszustände. Und wie gesagt, aber auch andere Erkrankungen. Also deswegen gehört heute zur Wunddiagnostik auch mehr oder weniger die Erkennung des Patienten als Ganzes: welche Probleme bringt der Patient mit? Und dann gehört's genauso dazu, diese Grundprobleme oder Grunderkrankungen zu behandeln. Und erst dann ist natürlich bei einer chronischen Wunde auch die Wundbehandlung wirklich sinnvoll und vielversprechend.
Lucy: Lucy: Sie haben uns einen wirklich umfangreichen Einblick in Ihre Forschung und auch so in die klinische Diagnostik gewährt. Es ging viel um Innovation. Und wenn wir jetzt noch einmal weiter in die Zukunft blicken: wie sieht die klinische Wundversorgung in zehn Jahren aus?
Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz: Kamolz: [lacht] Also man muss ganz ehrlich sagen, wir tun uns schwer, die nächsten zehn Jahre vorauszusagen, ja. Also ich glaub, was wir halbwegs im Überblick haben, sind die nächsten zwei, drei, vier Jahre. Alles darüber hinaus wird schon deutlich problematischer. Aber es geht ja ein bisschen auch darum zu sagen, ähnlich wie ganz am Anfang im Gespräch mit Science-Fiction: was war damals Science-Fiction und wo ist es hingegangen? Ein bisschen jetzt zu sagen: wo geht's in Zukunft hin? Also ich glaube – und jetzt kann man mich nicht bitte festnageln, ist das in zehn Jahren oder in 20 oder in 30 Jahren –, ich glaube einfach, dass wir dann von intelligenten Verbänden sprechen, wenn die Diagnostik machen und dann automatisch zum Beispiel das freisetzen, was der Körper braucht. Wie eine Tablette wird nur in dem Fall das freigesetzt, nicht ein Faktor, sondern in den Bedürfnissen unterschiedlicher Faktoren. Ich hoffe, dass es die Haut aus dem Labor gibt, die man gerade bei großflächigen Verbrennungen mehr oder weniger aus dem Kühlschrank nimmt und dem Brandverletzten draufgibt. Das wäre ideal, wenn es solche Sachen geben würde. Weil dann viele Sachen wirklich schlagartig an Problematik verlieren würden und das wirklich garantieren würde, dass wir den nächsten Quantensprung, gerade auch bei Schwerstbrandverletzten, erreichen im Bezug auf Überlebenswahrscheinlichkeit. Also so die Haut aus dem Labor im Kühlschrank, die nur wartet auf dem Patienten, das wäre schon so der ein bisschen der heilige Gral für die Brandverletztenbehandlung. Und in die Richtung moderne Verbandsmaterialien, in die Richtung Smart Dressings, Diagnostik, Drug Release – das wäre auch, glaube ich, in die Richtung wird's ganz klar gehen.
Yavuz: Yavuz: Das hört sich alles sehr spannend an. Ich bin neugierig auf die Zukunft.
Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz: Kamolz: Ja, na, ich hoffe, nicht, dass Sie mich dann in zehn Jahren dran erinnern, dass jetzt schon 40 Jahre Berufserfahrung ist und dass ich damals falsch gelegen bin.
Yavuz: Yavuz: [lacht] Herr Kamolz, ich bedanke mich bei Ihnen, dass Sie da waren. Es hat mir Spaß gemacht und ich habe heute viel dazu gelernt.
Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz: Kamolz: Ich sag vielen Dank!
Lucy: Lucy: In der nächsten Folge geht es noch mal weiter um die medizinische Versorgung von Wunden, genauer gesagt dann um Wundverschluss und das Thema Nahtmaterial. Und damit verabschieden wir uns.