Vitalzeichen

Transkript

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Franziska Reddner: Franziska: Hast du deine Weisheitszähne eigentlich noch?

Emin Gherib: Emin: Ja, tatsächlich schon. Du nicht?

Franziska Reddner: Franziska: Hast du ein Glück. Mir wurden alle vier gleichzeitig gezogen. Erst der Schmerz nach der OP und dann auch noch das Fädenziehen.

Emin Gherib: Emin: Echt? Die Fäden mussten noch gezogen werden? Also ich dachte, die können sich dort einfach auflösen.

Marc Müller: Einspieler: Moin. Das ist Vitalzeichen, der Biomedizintechnik-Podcast der Leibniz Universität Hannover. Ein Transferprojekt mit Studierenden, medizintechnischen Entwicklungen und dem Blick in die klinische Praxis.

Emin Gherib: Emin: Willkommen zurück bei Vitalzeichen. Ich bin Emin.

Franziska Reddner: Franziska: Und ich bin Franziska.

Emin Gherib: Emin: Wir beide studieren momentan Biomedizintechnik an der Leibniz Universität Hannover und beschäftigen uns unter anderem auch mit biokompatiblen Materialien. In der letzten Folge ging es bereits um Wundauflagen. Falls ihr in diese Folge noch nicht reingehört habt, solltet ihr das unbedingt nachholen. In der jetzigen Folge soll es aber darum gehen, welche verschiedenen Arten von Nahtmaterialien es gibt im Bezug auf Wundverschluss und außerdem wollen wir noch einen Einblick in aktuelle Forschungsthemen geben.

Franziska Reddner: Franziska: Dazu haben wir heute Herrn Professor Dr. Spendel zu Gast. Er ist stellvertretender Leiter der klinischen Abteilung für plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie der Universitätsklinik für Chirurgie in Graz. Im Laufe seiner Karriere hat er sich unter anderem mit der Verbrennungschirurgie, der Bildung von Narben und der Optimierung der Wundheilung auch im Bezug von den verwendeten Nahtmaterialien beschäftigt. Herzlich willkommen, Herr Professor Dr. Spendel.

Prof. Dr. Stephan Spendel: Stephan Spendel: Danke vielmals für die nette Einführung.

Emin Gherib: Emin: Durch den technischen Fortschritt und dem reichlich dazugewonnenen Wissen in der Medizin werden ja allgemein immer mehr OPs durchgeführt. Das bedeutet auch, dass das richtige Verschließen von Wundstellen und die Ausheilung immer wichtiger wird, und so sich der Zweck der Nähte von einem reinen Wundverschluss zu intelligenten Strukturen entwickelt, die die Wundheilung auch unterstützen und verbessern sollen. Zunächst soll es einmal um die grundlegende Anwendung gehen. Es gibt ja verschiedene Wundstellen, es gibt aber auch verschiedene Nahtmaterialien. Wonach entscheidet sich jetzt letztendlich, welches Nahtmaterial verwendet wird?

Prof. Dr. Stephan Spendel: Stephan Spendel: Also grundsätzlich werden an Nahtmaterialien verschiedene Ansprüche gestellt. Sie sollen einmal biokompatibel sein, sie sollen keine Entzündungen hervorrufen, keine Allergien hervorrufen. Die mechanischen Eigenschaften müssen passen, eine gewisse Festigkeit muss vorhanden sein. Auch eine Dehnbarkeit, weil sich natürlich bei Verschließen von Hautwunden über Gelenken zum Beispiel die Wunden auch dehnen. Die Handhabung muss gut sein, also eine gewisse Knotensicherheit. Es hat schon Materialien gegeben, wo wir gesagt haben, die passen nicht, wenn wir Knoten machen, die Knoten gehen auf, die halten nicht richtig. Hat es auch schon gegeben, wahrscheinlich war das zu, die Oberfläche zu glitschig. Es müssen auch antimikrobielle Eigenschaften gegeben sein. Es gibt auch bei Infektionen gibt es Nahtmaterialien, die beschichtet sind. Und dann gibt es natürlich auch die zwei großen Gruppen, die resorbierbaren, also die Nahtmaterialien, die sich auflösen, und die nicht-resorbierbaren Nahtmaterialien. Vielleicht kommen wir später noch darauf zu sprechen. Das hängt ganz davon ab, wo man sich an gewissen Körperteilen befindet und wo man näht. Die resorbierbaren Nahtmaterialien haben den Vorteil, dass sie ein relativ geringes Risiko haben, was an Komplikationen anbelangt. Nachteil ist vielleicht, dass sie weniger stabil sind und die Nahtmaterialien haben natürlich bei der Vernarbungsphase, sind sie weniger stabil und die Nahtmaterialien werden vor allem an den Stellen außerhalb verwendet, wo man diese auch dann wieder entfernen kann. Das hängt ganz davon ab mit dem Nahtmaterialien, wo man Wunden näht, dazu noch später. Dann gibt es natürlich auch resorbierbares Nahtmaterial. Da gibt es dann ganz verschiedene Gruppen von Nähten, die sich sehr schnell auflösen. Möchte man haben, dass sich die Naht relativ schnell auflöst, oder möchte man haben, dass die Naht sich langsam auflöst und eine lange Stabilität gibt? Das geht bis zu 180 bis 200 Tagen, wo sich die Nähte dann schlussendlich auflösen. Man spricht dann immer von der Reißfestigkeit, die nimmt natürlich dann ab, in einem gewissen Zeitpunkt von der kompletten Auflösung. Gibt es eine gewisse Halbwertszeit. Oder es gibt Nahtmaterialien, die sich relativ schnell auflösen innerhalb von 30, 40 Tagen. Das hängt auch davon ab, an welchen Regionen man näht. Würde man zum Beispiel in der Mundschleimhaut nähen mit einem resorbierbaren Nahtmaterial, wo der Schleim an sich selbst auch Säure produziert und man würde hier ein sehr schnell auflösendes Nahtmaterial nehmen, dann würde das wahrscheinlich noch schneller verschwinden, was oft nicht erwünscht ist. Weil auch die Mundschleimhaut, also der Speichel sehr aggressiv ist und die Nähte möglicherweise schon früher auflöst als gedacht oder als erwünscht, sagen wir mal so. Das ist einmal grundsätzlich zu den zu den Nahtmaterialien. Dann gibt es natürlich verschiedene Stärken. Die Nähte von bis zu 0,4 Millimeter im Durchmesser und bis zu den Mikronähten, die wir auch verwenden für ganz kleine Gefäße, unter dem Mikroskop zu nähen, die haben einen Durchmesser von circa 0,01 Millimeter. Diese Nähte sind dünner als ein Haar und ist natürlich dann nur unter der Lupenbrille oder unter dem Mikroskop zu sehen. Dann ist es abhängig davon, welchen Faden möchten wir haben. Ist es ein Faden, der geflochten ist? Es gibt geflochtene Fäden, es gibt dann monofile Fäden, die möglichst atraumatisch sind. Das heißt, ein geflochtener Faden ist etwas rauer. Wenn man das durch das Gewebe zieht, macht er dann kleinere Verletzungen, die wahrscheinlich nicht ins Gewicht fallen, aber dennoch bei kleinen Strukturen, bei dünnen Strukturen spielt das schon eine Rolle. Würde man zum Beispiel einen Knorpel nähen mit einem geflochtenen Faden, dann kann es sein, dass der Knorpel reißt durch die Rauigkeit. Nimmt man einen monofilen Faden, dann ist das wahrscheinlich besser, weil er besser gleitet und den Knorpel nicht zerstört. Welchen Faden, welches Nahtmaterial man dann schlussendlich nimmt, hängt auch davon ab, an welcher Region wir uns befinden. Zum Beispiel im Inneren des Körpers am Darm, da wird man resorbierbare Fäden verwenden. Oder wenn man eine Bauchdecke verschließt, dann nimmt man einen ganz starken Faden und möchte haben, dass das relativ lange hält. Ist man operativ zum Beispiel im Gesicht tätig oder am Oberlid, dann ist das Oberlid an sich sehr sehr dünn, also die Kutis. Also die Haut ist gerade bei Alter oft sehr dünn. Das heißt, hier würde man einen Faden nehmen, der vielleicht nicht resorbiert und zwar deswegen, weil im Rahmen der Resorption passieren chemische Vorgänge, die unter Umständen zu kleinen Entzündungen führen oder kleinen Granulomen, sagen wir, führen. Also am Oberlid zum Beispiel nimmt man einen sehr dünnen Faden, einen 6-0er Faden. Es gibt Maße, die metrischen Maße und dann gibt es US-Maße und die europäischen Maße. 6-0 heißt nicht 0,6 Millimeter, sondern ein 6-0er Faden hat also 0,012 Millimeter Durchmesser. Dann würde man zum Beispiel am Rücken nähen. Am Rücken ist die Haut bis zu 5 Millimeter dick. Das heißt, hier würde man sogar die Nadel, wenn man einen 6-0er Faden nehmen würde, würde sich die Nadel durchbiegen und man kommt nicht einmal durch die Haut durch. Hier nimmt man einen stärkeren Faden, einen 2-0er Faden oder 3-0er Faden. Wenn man Muskulatur näht, nimmt man meistens resorbierbares Nahtmaterial. Wenn man Sehnen näht, weil für die Sehnen brauchen wir einen sehr starken Faden und der relativ lange hält, hier nimmt man unter Umständen auch resorbierbare Fäden, die auch im Körper bleiben können. Die bleiben dort, machen eigentlich wenig Entzündungszeichen. Oder man nimmt entweder nicht-resorbierbare oder resorbierbare Fäden. Bei den resorbierbaren Fäden wird die Wahl so getroffen, dass die möglichst sich lange halten und nicht so schnell auflösen, weil Sehnennähte brauchen sehr lange, bis sie verheilen, weil die Sehne an sich keine wesentliche Durchblutung hat.

Emin Gherib: Emin: Ja, das war ja schon mal ganz interessant. Also scheint ja wirklich echt viel zu geben, was man berücksichtigen kann bei der Wahl von Nahtmaterialien. Nochmal kurz für das Verständnis. Resorbierbare Nahtmaterialien waren jetzt die, die sich nach einer gewissen Zeit auflösen und nicht-resorbierbare, die, die noch mal nachträglich gezogen werden. Richtig?

Prof. Dr. Stephan Spendel: Stephan Spendel: Das ist richtig.

Franziska Reddner: Franziska: Und Sie hatten, ich meine, der Begriff war monofile Fasern und die geflochtenen Fasern erwähnt. Das eine ist ja einfach nur, dass ein Material verwendet wird, das spricht ja auch das Mono für, und das andere ist dann ein geflochtener aus mehreren Materialien. Richtig?

Prof. Dr. Stephan Spendel: Stephan Spendel: Aus mehreren Materialien und der Faden an sich ist geflochten. Der hat eine rauere Struktur. Es gibt auch Fäden, die haben sogar Widerhaken. Die haben so kleine Widerhaken, die man nur in einer Richtung näht. Der Sinn und Zweck ist, damit sich die Naht nicht irgendwie löst. Die haben sogar Widerhaken. Bei gewissen Fällen verwendet man das auch bei der Bauchdecke, damit der Faden, wenn man ihn durchzieht, nicht nachgibt. Also der geht nur in einer Richtung und der Widerhaken verhindert, dass er nicht nachgibt. Dennoch gibt es auch,[...] die monofilen Fäden werden häufig verwendet für den Hautverschluss, weil wir versuchen immer in der Chirurgie möglichst atraumatisch zu operieren, zu nähen. Auch die Nadel und der Faden sollten im besten Fall den gleichen Durchmesser haben, was natürlich nicht immer geht. Damit das Loch, wenn man durchsticht, nicht größer ist als der Faden. Eigentlich wenn man eine sehr dicke Nadel hat und hinten auch einen dünnen Faden, dann hat er einen Spielraum. Man spricht auch von atraumatischem Nahtmaterial. Also möglichst der Durchmesser der Nadel und des Fadens sollten möglichst gleich sein. Und es gibt dann auch noch die geflochtenen Fäden, die rundherum beschichtet sind, sozusagen pseudo-monofil. Und die haben auch gewisse Vor- und Nachteile, wo eine Beschichtung mit einem sogenannten antimikrobiellen Substanz passiert. Und diese verwendet man zum Beispiel bei Infektwunden.

Franziska Reddner: Franziska: Sie haben eben ja sehr viel von resorbierbar und nicht-resorbierbar gesprochen. Und das hängt natürlich auch stark von dem Ort der Wunde ab. Gibt es im Klinikalltag denn trotzdem eine Art Goldstandard, also etwas, was sehr häufig verwendet wird im Bezug auf resorbierbar oder nicht-resorbierbar?

Prof. Dr. Stephan Spendel: Stephan Spendel: Wirklich einen Goldstandard gibt es nicht. Jeder Chirurg hat seine eigenen Vorlieben. Aber im Großen und Ganzen kann man sagen, wir nähen heute im Inneren des Körpers vorwiegend mit resorbierbarem Nahtmaterial. Und außen, Haut, et cetera, in der Kutis, wird zwar auch mit resorbierbarem Nahtmaterial genäht und außen häufig mit nicht-resorbierbarem Nahtmaterial. [Also vor,] ich sage mal, vor 20, 30 Jahren hat man die Haut hauptsächlich mit resorbierbarem Nahtmaterial genäht. Heute ist es so, dass man die intrakutane Fortlaufnaht macht mit resorbierbarem Nahtmaterial, monofil, auch sehr atraumatisch. Man möchte verhindern, dass man bei Einzelknopfnähten diese punktförmigen Narben sieht, die sogenannte Strickleiter, was eigentlich unschön ist. Und zwar ist das daher, wenn man die Fäden so wie früher nach 14 Tagen entfernt, zum Beispiel, dann bildet sich schon ein Epithel in den Stichkanälen. Und daher sieht man häufig noch diese unschönen Einstiche und Ausstiche, die sogenannten Strickleitern. Im Gesicht bevorzuge ich vorwiegend nicht-resorbierbares Nahtmaterial, weil im Gesicht die Nähte nach sechs, sieben Tagen entfernt werden und hier keine Stichkanäle sichtbar sind. Und zwar deswegen nicht-resorbierbar, weil es gibt hier weniger Entzündungsprozesse oder Auflösungsprozesse, zum Beispiel Fadengranulome, wenn ich das nicht-resorbierbare Fadenmaterial nehme, vorwiegend im Gesicht. Also einen Goldstandard kann man eigentlich nicht sagen, dass es den wirklich gibt, sondern jeder hat seine Vorlieben. Aber generell ist so, dass man im Inneren des Körpers mit resorbierbarem Fadenmaterial näht und im Äußeren resorbierbar und nicht-resorbierbar.

Emin Gherib: Emin: Ich habe jetzt in einer Studie aus dem Jahr 2025 von Nemirov et al. gelesen, dass es im Bezug auf so etwas wie Infektionsrate oder andere Komplikationen nach der OP keinen nennenswerten Unterschied gab. Wie sind denn dazu Ihre Erfahrungen? Weil Sie haben jetzt schon einige Vor- und Nachteile erwähnt.

Prof. Dr. Stephan Spendel: Stephan Spendel: Also generell muss man sagen, ist das richtig. Dennoch bin ich der Meinung, dass es bei resorbierbarem Nahtmaterial, das hängt immer ein bisschen auch vom Patienten selbst ab, wie sehr der Krankheitswert des Patienten. Ein Diabetiker oder wenn der Patient, wenn die Immunabwehr nicht so gut ist, dann wird er eher dazu neigen, dass er irgendwelche Infektionen nach Nähten hat. Das hängt ein bisschen auch von dem ab. Und zwar das resorbierbare Nahtmaterial hat auch eine Dochtwirkung. Wenn das feucht wird, dann können durch die Dochtwirkung Bakterien eingeschleppt werden. Also ich bin schon der Meinung, ich weiß, dass die Studie keine nennenswerten Unterschiede feststellen konnte. Dennoch bin ich der Meinung oder ich operiere so, dass ich bei Infektwunden äußerlich schon mit einem nicht-resorbierbaren Nahtmaterial, das ich dann wieder entferne nach zwei Wochen oder nach zehn Tagen operiere oder nähe. Also weil resorbierbares Nahtmaterial hat doch wie gesagt eine gewisse Dochtwirkung und da können auch Bakterien eingeschleppt werden. Vor allem bei Patienten, die, ein gesunder Patient wird das alles wegstecken, wenn es irgendwas Banales ist. Aber wir haben ja Patienten, gesunder Patient ist gut gesagt. Es gibt keine gesunden Patienten. Aber ein Patienten, die zum Beispiel eine banale Verletzung haben, die sonst gesund sind, meine ich damit, da wird es keine Rolle spielen. Aber wir haben ja auch multimorbide Patienten, da spielt das dann schon eine Rolle.

Franziska Reddner: Franziska: Multimorbid heißt ja einfach nur, dass sie sehr viele Risikofaktoren haben, zum Beispiel Übergewicht, Diabetes...

Prof. Dr. Stephan Spendel: Stephan Spendel: Und auch generell ältere Patienten, die dann andere Erkrankungen auch haben. Abgesehen jetzt von von irgendwelchen Immunerkrankungen oder Tumorpatienten, die Chemotherapien haben und so weiter.

Franziska Reddner: Franziska: Okay. Sie haben jetzt ja schon von vielen Nahtmaterialien und auch Arten von Nähten gesprochen. Das ist dann vermutlich sehr schwer bei dieser Anzahl einheitliche Testverfahren für die Anwendung und die Zulassung zu entwickeln. Wir hatten gelesen, dass Sie bei einer Entwicklung geholfen hatten oder sie mitentwickelt haben. Können Sie uns da kurz erklären, wie diese Tests aufgebaut waren und auch auf welche Herausforderungen Sie dabei gestoßen sind?

Prof. Dr. Stephan Spendel: Stephan Spendel: Das war die Entwicklung von Alexander Ducker, der da maßgeblich an dieser Studie gearbeitet hat. Wir haben versucht ein Schweinemodell aufzustellen. Vor allem weil die Schweinehaut am ehesten der menschlichen Haut nahe kommt. Die Schwierigkeit ist immer, dass man sozusagen Bedingungen schafft, die der menschlichen Haut am nähesten kommen. Auch das Setzen von Wunden. Hier wurden Wunden gesetzt, dass die wirklich standardmäßig gesetzt werden, sodass man dann verschiedene Materialien, ob das jetzt irgendwie Wundauflagen sind oder Nahtmaterialien dann ausprobieren kann. Die Schwierigkeit ist immer, dass man diese Gleichmäßigkeit von Wunden erreicht. Dieses Schweinemodell hat sich aber schon bewährt für gewisse Sachen, wo man auch gesehen hat, dass wie gesagt unter gewissen Nahtmaterialien, ob jetzt das Material oder das Material, kein wesentlicher Unterschied ist. Aber zumindest hat man jetzt einmal ein Modell, wo man dann verschiedene, nicht nur Nahtmaterialien, sondern auch ganz andere Dinge, Wundauflagen, ob dann Substanzen einbringen kann und so weiter. Aber die Schwierigkeit ist eben, dass man die Einheitlichkeit, die Wiederreproduzierbarkeit schafft von diesen Sachen. Nur dann kann man Dinge vergleichen.

Emin Gherib: Emin: Ja, jetzt waren besonders die Testverfahren für bereits existierende Nahtmaterialien im Fokus. Jetzt wollen wir aber noch mal einen Blick auf die Zukunft werfen. Und zwar sehen Sie vielversprechende Möglichkeiten für neue Nahtmaterialien, die den Wundverschluss vielleicht optimieren? Oder welche Eigenschaften müsste ein solches Material haben, damit es noch mal einen weiteren Effekt bringt?

Prof. Dr. Stephan Spendel: Stephan Spendel: Was möchte man mit der Wunde? Man möchte möglichst einen Wundverschluss haben, der ohne Komplikationen abläuft. Also keine Rötung und möglichst relativ rasch belastbar ist. Man wird jetzt die Wunde an sich jetzt nicht wesentlich beschleunigen können. Dennoch werden Materialien entwickelt werden, denke ich, die zum Beispiel in der Wunde Substanzen abgeben, die die Wundheilung verbessern oder auch zum Beispiel Substanzen, die einen Indikator geben. Zum Beispiel ich lasse ein Stück Faden nach draußen stehen und der zeigt mir dann an, halt in der Wunde ist da irgendein Milieu, das auf eine Infektion hinweist, die ich äußerlich noch nicht sehe. So eine Früherkennung von irgendeiner Infektion, wo ich dann rasch einschreite und sage, dem muss ich jetzt ein Antibiotikum geben, zum Beispiel. Das wäre ein Nahtmaterial mit einem Indikator, wäre sicherlich wünschenswert. Oder dann auch Nahtmaterialien, die angepasst sind an gewisse Strukturen, wo man sozusagen individualisiert, ein Nahtmaterial aus dem 3D-Drucker, wenn man weiß, genau das würde ich brauchen und dann drucke ich das aus und ich habe mein Nahtmaterial. Das wären sozusagen zukunftsweisende Ideen. Auch zum Beispiel Nahtmaterialien, die sage ich mal zum Beispiel mit Stammzellen versetzt sind, wo man sagt, okay hier ist eine größere Wunde und die zusätzlich die Wundbeschaffenheit beziehungsweise die regenerative Kapazität haben, das zu beschleunigen. Das wäre in der Regenerationsmedizin ja auch etwas, wo ich glaube, dass da schon einiges drinnen liegt, wo man forscht und wo man das weiterentwickeln könnte.

Emin Gherib: Emin: Das war auf jeden Fall sehr interessant. Also ich habe mit einigem echt nicht gerechnet, dass das vielleicht möglich ist. Aber jetzt noch mal eine Einschätzung: Für wie realistisch halten Sie solche Entwicklungen?

Prof. Dr. Stephan Spendel: Stephan Spendel: Wir haben zum Beispiel Wundverbände, die einen Indikator abgeben, welches Milieu da drinnen ist. Das gibt es bereits, wo man sagt okay das Milieu passt nicht, da muss ich was dazugeben. Das gibt es. Es gibt andere spezielle Verbände mit einem Vakuumsystem, wo auch dort zum Beispiel das Milieu, das also das Wundsekret analysiert wird und wenn man das auflegt, dann einen Indikator abgibt. Also das würde ich am ehesten sagen, das wird einmal sein. Die Beschichtung von Nahtmaterial gibt es ja bereits mit antimikrobiellen Substanzen. Und warum soll es dann nicht auch Beschichtungen geben, die besondere Wirkung auf das Wundmilieu haben, wo die Regeneration schneller vor sich geht. Man möchte ja letztendlich, wenn man eine Wunde hat oder ganz egal Haut oder Sehnen, man möchte eine möglichst rasche Stabilität haben und die Funktionalität soll möglichst rasch wiederhergestellt werden. Das ist das Ziel. Muss halt alles schnell gehen und daher das was wir uns wünschen.

Franziska Reddner: Franziska: Sie haben jetzt von mit Indikatoren versetzten Nähten gesprochen. Da gehe ich einfach mal davon aus, dass das vor allem auf den pH-Wert der Wunde reagiert. Wir hatten auch von sogenannten smarten Nähten gelesen. Das bedeutet, dass die mit Sensorik versehen sind, die nebenbei auch noch so was wie Feuchtigkeit oder Temperatur messen. Sehen Sie da auch eine Anwendung beziehungsweise einen Nutzen drin, wenn tendenziell über den pH-Wert ja auch schon relativ viel ausgesagt werden kann?

Prof. Dr. Stephan Spendel: Stephan Spendel: Vorwiegend sage ich einmal, uns ist wichtig bei einer Wunde zu sehen: Gibt es eine Art von Komplikation? Ob jetzt da die Temperatur passt oder nicht passt, das glaube ich, ist weniger für mich relevant, sondern eher, dass ich weiß, ist da jetzt im Inneren, wo ich außen noch nicht sehe, ist da irgendeine Infektion im Gange, damit ich möglichst rasch einschreiten kann. Das ist für mich glaube ich viel wichtiger.

Franziska Reddner: Franziska: Also wäre der pH-Wert zum Beispiel schon ausschlaggebend genug für Sie?

Prof. Dr. Stephan Spendel: Stephan Spendel: Wäre schon ein Hinweis, dass da irgendetwas in der Wunde etwas nicht so ist, wie es sein soll.

Franziska Reddner: Franziska: Wir haben abschließend jetzt noch eine etwas persönlichere Frage und zwar: Haben Sie ein Nahtmaterial, was Sie am liebsten verwenden, wenn Sie es sich aussuchen dürfen?

Prof. Dr. Stephan Spendel: Stephan Spendel: Habe ich schon, ja. Ich darf jetzt den Namen nicht sagen, weil es ja eine Firma ist, die die das produziert. Aber es ist ein für das Gesicht, ein monofiler Faden, der sehr reißfest ist und der sich auch leicht entfernen lässt, ohne dass der Patient die Schmerzen hat. Natürlich ist er teurer, aber das gibt es. Den bevorzuge ich, wenn ich ihn bekomme. Wir haben diese Fäden. Und für das Innere haben wir auch Fäden, die die ich bevorzuge. Es ist auch wieder ein Firmenname, der wird sehr häufig verwendet generell. Aber die sind sozusagen die Spitzenreiter.

Emin Gherib: Emin: Ja, vielen Dank Professor Dr. Spendel, dass Sie hier waren und uns einige interessante Einblicke in das Thema Nahtmaterialien geben konnten. Wir sind gespannt, was die Zukunft noch bereithält.

Prof. Dr. Stephan Spendel: Stephan Spendel: Vielen Dank für das nette Gespräch. Gratuliere zu Ihren Bestrebungen hier Interviews zu machen und dass Sie hier sich eingelesen haben und wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft.

Franziska Reddner: Franziska: Danke schön.

Prof. Dr. Stephan Spendel: Stephan Spenel: Vielen Dank.

Emin Gherib: Emin: Wir haben heute mit Professor Dr. Spendel über die Vielfalt von Nahtmaterialien gesprochen. Je nach Wundstelle gibt es eine große Auswahl an Nähten mit verschiedenen Eigenschaften bezüglich der Biokompatibilität und mechanischen Eigenschaften. Grundsätzlich wird zwischen resorbierbaren und nicht-resorbierbaren Materialien unterschieden, wobei sich resorbierbare Nähte auflösen und nicht-resorbierbare Materialien im Körper verbleiben und später entfernt werden müssen. Es gibt zwar kein grundsätzliches Verfahren zum Testen von Nahtmaterialien, jedoch können Nähte an Schweinehaut getestet werden, da die Eigenschaften der menschlichen Haut ähneln. Zusätzlich zu klassischen Nähten gibt es weitere Entwicklungen wie zum Beispiel indikatorversetzte Materialien, die die Wundstelle überwachen oder individualisierte Nähte, die mit Stammzellen versehen werden können.

Franziska Reddner: Franziska: Diese Woche haben wir uns mit dem Verschließen von Wunden beschäftigt. In der nächsten Folge soll es jedoch um das Öffnen von Gefäßen und die Gefäßprothetik gehen. Schaltet dazu gerne wieder ein. Folgt unserem Instagram-Kanal, den Link dazu findet ihr in der Episodenbeschreibung. Außerdem sind dort auch alle weiteren Fachbegriffe noch mal erklärt. Tschüss und auf Wiederhören.

Emin Gherib: Emin: Bleibt gesund.