Marc Müller: Marc Müller: Moin, das ist Vitalzeichen, der Biomedizintechnik-Podcast der Leibniz Universität Hannover. Ein Transferprojekt mit Studierenden, medizintechnischen Entwicklungen und dem Blick in die klinische Praxis.
Lasse: Lasse: Willkommen zur fünften Folge des Podcasts Vitalzeichen, der im Rahmen der Vorlesung Biokompatible Polymere an der Leibniz Universität in Hannover entstanden ist. Mein Name ist Lasse und wir werden uns heute mit dem Thema der Brustimplantate befassen. Weil das ein relativ großer Themenbereich ist, haben wir in der Vorbereitung auf die Folge uns dazu entschieden, eine Umfrage zu machen, die wir an Freunde und Bekannte geschickt haben und dabei ist rausgekommen, dass die meisten Personen sich für die Risiken und die Komplikationen, die Rekonstruktion nach einer Brustkrebshandlung sowie die psychischen Aspekte und das Körperbild interessiert haben. Und weil das an sich auch schon sehr komplexe Themen sind, bin ich sehr froh, heute hier im Podcast Professor Nicco Krezdorn von der Sjaellands Universität in Roskilde in Dänemark zu begrüßen, der mir hoffentlich Rede und Antwort stehen wird und uns einmal hier die Antworten liefern wird, die wir suchen. Nicco, stellen Sie sich oder stell du dich gerne einmal vor und erzähl uns ein bisschen, wo du herkommst.
Prof. Nicco Krezdorn: Nicco: Vielen Dank Lasse. Wie schon gesagt, mein Name ist Nicco Krezdorn. Ich bin hier in der Universität Seeland in Dänemark Chef-Arzt für die Abteilung für plastische Rekonstruktion und Brustchirurgie. Und wir decken hier sozusagen das gesamte Spektrum, wenn wir über Brustkrebs reden, von Entdeckung, Entfernung und Rekonstruktion im Bereich von Brustkrebs, aber auch in anderen Krebsformen, Hautkrebs und Rekonstruktion im größeren Sinne und plastisch-chirurgischen Sinne ab. Ich bin seit etwa drei Jahren hier, hatte vorher in Hannover gelebt, wo auch sozusagen diese Verbindung zustande kommt, und habe hier auch eng immer mit unseren Kollegen der Brustchirurgie zusammengearbeitet, das Brustzentrum neu aufgebaut, zusammen mit den Kollegen dort, um sozusagen diese interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen dem onkologischen Teil und dem rekonstruktiven Teil zu formen, auch was sozusagen mikrochirurgische Rekonstruktionstechniken angeht. Und wir sind auch – da können wir vielleicht später auch noch mal drüber sprechen – natürlich auch sehr interessiert an neuen innovativen Rekonstruktionsmöglichkeiten über das, was es bereits gibt, hinausgehend. Und ja, ich hoffe, ich kann sozusagen mit diesem Erfahrungshintergrund dazu beitragen, eure Fragen so gut wie möglich zu beantworten.
Lasse: Lasse: Davon gehe ich fest aus, dass das funktionieren wird. Zu Beginn würde ich einmal gerne ein paar Begriffe trennen, weil zum Beispiel mir ging es so, als wir angefangen haben, uns auf die Folge vorzubereiten, dass ich bei dem Thema Brustimplantate hauptsächlich an Brustvergrößerungen gedacht habe und gar nicht so richtig selber auf dem Schirm hatte, dass so etwas wie Brustrekonstruktion überhaupt existiert. Deswegen würde ich das gerne einmal so ein bisschen trennen. Und da wäre meine Frage: Wo liegt denn überhaupt genau dieser Unterschied zwischen diesen beiden Eingriffen?
Prof. Nicco Krezdorn: Nicco: Vielen Dank für deine Frage. Das zielt auf etwas ab, was insgesamt ab und zu eine Herausforderung für unser Fachgebiet ist, nämlich dass der Begriff Plastische Chirurgie bei sehr vielen Menschen eigentlich im größten Teil ästhetische und Schönheitschirurgie beinhaltet, assoziiert, was im Endeffekt aber überhaupt nicht das widerspiegelt, was unsere Fachdisziplin eigentlich leistet, nämlich in erster Linie die Rekonstruktion von Form und Funktion. Der größte Unterschied dahingehend, was jetzt Brustrekonstruktion und Vergrößerung anbetrifft, ist, sage ich mal, die Vorgeschichte. Eine Brustvergrößerung ist in den meisten Fällen bei gesunden Personen, die einfach eine größere Brust sich wünschen, was in erster Linie ein ästhetischer Eingriff ist, während eine Rekonstruktion ja immer voraussetzt, dass davor etwas passiert ist, was das Brustgewebe verändert hat in einer Form, dass es nicht mehr so aussieht wie vorher, was dann sozusagen rekonstruiert werden soll. Das ist in den meisten Fällen eine Tumorerkrankung, also Brustkrebserkrankungen im Allgemeinen. Das kann aber auch andere Ursachen haben, das kann nach Verbrennungsverletzungen sein, nach traumatischen Verletzungen. Also alles, wo die Brust ihre Form verliert. Und das soll dann sozusagen im Rahmen einer Brustrekonstruktion mit verschiedenen Techniken rekonstruiert werden, also wiederhergestellt werden.
Lasse: Lasse: Ja, das ist, glaube ich, eine große Herausforderung, diese Wahrnehmung so ein bisschen zu trennen oder eher nicht zu trennen, ich würde sagen, zu erweitern in der gesellschaftlichen Wahrnehmung, dass es halt eben nicht mehr auf rein kosmetische Begriffe begrenzt wird, sondern dass das Bewusstsein wächst, dass es da auch einen viel größeren Teil gibt, den man gar nicht so sehr sieht, solange die Personen nicht selber betroffen sind. Du hast jetzt gerade mit Brustkrebs gerade schon ein wichtiges Thema angeschnitten und da wollten wir auch gerne drüber sprechen. Und zwar: Was würdest du denn Frauen empfehlen, um so ein bisschen die Chance zu erhöhen, dass Brustkrebs entdeckt wird? Was gibt es da für Möglichkeiten?
Prof. Nicco Krezdorn: Nicco: Brustkrebs ist der häufigste Tumor sozusagen mit einer der häufigsten Tumoren bei Frauen und leider auch wie viele Tumorerkrankungen in der Tendenz steigend. Das hat viele Ursachen, viele sind spekulativ und da lernen wir einfach über die Jahre immer mehr dazu. Die familiäre Vorgeschichte spielt da noch eine Rolle. Also gibt es sozusagen Brustkrebs oder zum Beispiel Gebärmutter- oder Eierstockkrebs in der Vorgeschichte bei wie vielen Familienmitgliedern. Und all solche Sachen werden dann in einer Art genetischen Profilbildung untersucht und dann kann man sozusagen ein Risikoabschätzung vornehmen. Das würde ich jetzt nicht jedem einfach empfehlen, einfach nur mal sozusagen zur Sicherheit so eine Profilbildung machen zu lassen, aber wenn man eine Geschichte, eine Vorgeschichte in der Familie hat, dann kann das auf jeden Fall etwas sein, worauf man zumindest mal achten kann oder sollte. Ansonsten wissen wir, dass die bekannten Lifestyle-Faktoren natürlich mit einem erhöhten Risiko für eine Karzinogenität, also für eine Tumorausbildung im Körper und dann natürlich auch in der Brust, einhergehen. Das sind Alkohol, Rauchen, metabolisch ungesunder Lebensstil. Das Problem ist, dass diese Sachen leider nicht so sind, dass man einfach wie in einer Checkliste sagen kann: Das, das, das und das und dann hast du ein erhöhtes Risiko. Aber das sind Aufmerksamkeitspunkte. Man kann sich das manchmal wahrscheinlich auch vorstellen wie so ein Glas, das man füllt. Alles kommt sozusagen zusammen, dann steigt das Risiko natürlich, dass sich das im Laufe des Lebens ausbildet.
Lasse: Lasse: Das ist natürlich sehr, sehr individuell, wie du auch gesagt hast, und hat sehr viele Einflussfaktoren. Das ist ja schon fast zu viel für die meisten Leute, um das irgendwie im Blick zu behalten, würde ich behaupten. Was würdest du Frauen raten, um die Chancen einer frühzeitigen Erkennung von Brustkrebs zu erhöhen? Welche Möglichkeiten haben wir da?
Prof. Nicco Krezdorn: Nicco: So viele sind es nicht tatsächlich. Was wir haben, sind zum Beispiel Bildgebungsverfahren, also Ultraschall beziehungsweise Mammographien. Es gibt Screening-Programme, wo ab gewissen Altersgrenzen dann Frauen auch eingeladen werden in einem strukturierten Setting, diese Screening-Untersuchung durchführen zu lassen, um Tumoren so früh wie möglich zu erkennen und dann zu behandeln. Da gibt es auch inzwischen Entwicklungen mit groß angelegten Studien, ob man das mit zum Beispiel KI-gestützten Systemen vielleicht noch optimieren kann, ob man das noch früher erkennen kann, wobei wir nicht wissen zum jetzigen Zeitpunkt, ob wir tatsächlich auch das Überleben damit immer verlängern oder ob man nur die Zeit mit Diagnose erhöht. Was das wichtigste Tool, was wir haben, ist natürlich die Selbstuntersuchung. Das heißt, die Brust selber zu fühlen, abzutasten; ist da irgendwas, was sich verändert? Können wir Knoten tasten? Im Endeffekt das Wichtigste ist eigentlich die Veränderung. Und wenn man da merkt, dass irgendwas komisch ist oder anders ist, dann ist das, sage ich mal, der beste ausschlaggebende Punkt, dann da eine weiterführende Untersuchung machen zu lassen. Das kann man dann bilddiagnostisch darstellen und schauen, soll man da eine Probe von nehmen oder nicht. Wie sieht das aus? Aber das ist das, wo wir am ehesten ansetzen können. Da sind auch Dinge, wo wir tatsächlich auch hier jetzt verstärkt Fokus darauf setzen. Wir sind dabei, mit einem Entwicklungsprojekt und einem Studienprogramm zum Beispiel eine App zu entwickeln, die Patientinnen helfen soll, da ein bisschen Fokus drauf zu haben, auch zu verstehen oder ein bisschen angeleitet auch zu lernen, wie man eine Brust untersucht. Weil wenn man tatsächlich – ihr habt ja auch gefragt in eurem Bekanntenkreis – das haben wir auch hier ein bisschen strukturierter Modus gemacht und festgestellt, dass viele tatsächlich einfach nicht viel wissen. Wie macht man das genau oder wer bringt einem das eigentlich bei oder was ist normal, was ist komisch? In welchem Zeitintervall soll man da vielleicht noch mal professionell nachgucken lassen? Gibt es da kulturelle Unterschiede sozusagen? Wer hat weniger ein Problem damit, seine Brust selber abzutasten oder nicht? Da sind viele Faktoren, die damit reinspielen. Aber wenn man das zusammenfassen möchte, dann wäre die erste Empfehlung, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, sich selber zu untersuchen. Und wenn da irgendwelche Fragezeichen entstehen, das dann professionell abklären zu lassen. Und dann im späteren Verlauf kommen diese Screening-Programme, denke ich.
Lasse: Lasse: Ja, auf jeden Fall. Ich denke, dass das eine sehr wichtige Sache ist, dass da das Bewusstsein geschärft wird, wie du selber gesagt hast. Und zu diesen Screening-Programmen, das ist ja tatsächlich sogar so, dass in Deutschland das für Frauen zwischen 50 und 75 Jahren von der Krankenkasse alle zwei Jahre übernommen wird. Also das ist wirklich ein gefördertes Programm zur besseren Vorsorge, was, glaube ich, sehr wichtig ist für viele Leute auch zu wissen, dass es das überhaupt gibt. Nehmen wir jetzt einmal an, es wurde zu einer Vorsorge gegangen und es wurde tatsächlich leider ein Tumor entdeckt und es wurde sich dafür entschieden, diesen chirurgisch entfernen zu lassen. Also mit Hilfe einer Mastektomie heißt das dann, also quasi der chirurgischen Entfernung von einer Brust, einem Teil der Brust oder beiden Brüsten. Dann ist es ja eine große Herausforderung, dass sozusagen das Körpergefühl sich ändern kann und es ist eine große psychische Belastung teilweise. Und da wäre meine Frage nach deiner Erfahrung als Arzt und Chirurg: Was wären denn die Gründe, warum betroffene Frauen eine Rekonstruktion anstreben würden?
Prof. Nicco Krezdorn: Nicco: Also wenn man einen Tumor entfernt – es gibt natürlich Vorbehandlungen, Nachbehandlungen auch onkologisch mit Chemotherapeutika zum Beispiel, die einen Einfluss darauf haben, wie das chirurgische Prozedere ist. Weil das kann zum Beispiel sein, dass man eine neoadjuvante Chemotherapie bekommt, wo der Tumor im Vorhinein medikamentös behandelt wird, um ihn entweder ganz zu entfernen oder kleiner zu machen, was dann auch wieder eine Konsequenz hat für die chirurgische Behandlung. Weil natürlich ein Tumor, der – wenn der original so groß ist, dass das Risiko besteht, dass man die gesamte Brust entfernen muss – das ist eine sogenannte Mastektomie, wie du gesagt hast – dann ist es natürlich etwas völlig anderes, als wenn man den Tumor im Vorhinein zum Beispiel so behandeln kann, dass er deutlich kleiner wird und man danach zum Beispiel nur eine sogenannte Lumpektomie, also eine kleinere Entfernung von einem Teil des Brustgewebes durchführen muss, wo man nicht die gesamte Brust entfernen muss. Das ist dann eine Teilmastektomie, wenn man das so möchte. Und das hat natürlich eine völlig andere Konsequenz auch, was die Rekonstruktion angeht. Und das hängt immer ab vom Tumortyp. Das sind Dinge, die man nicht pauschal sagen kann. Für manche Patientinnen macht diese Chemotherapie Sinn im Vorhinein, für manche nicht. Das heißt, das muss man alles immer individuell gewichten. Dementsprechend abhängig von sozusagen dieser Einschätzung im Vorhinein, die in einem sogenannten multidisziplinären Tumorboard auch getroffen wird, wo sozusagen alle Beteiligten dabei sitzen – Radiologen, Onkologen, Brustchirurgen, im Idealfall natürlich auch plastische Chirurgen – wo man sozusagen den Patienten in seiner Gesamtheit betrachtet und sieht: Was ist das Prozedere, das man am ehesten empfiehlt? Kann man dann mit dem Patienten zusammen auch besprechen, was das zu erwartende Ergebnis ist und ob das etwas ist, womit der Patient so leben möchte oder nicht. Im ersten Ansatz ist es natürlich immer so, dass wir versuchen, so ästhetisch wie möglich und so funktionell schonend wie möglich zu operieren. Es gibt auch Operationstechniken, das nennt sich dann onkoplastische Chirurgie tatsächlich, wo man bereits im Rahmen der primären Operation – das heißt, wenn man zum Beispiel nur einen Teil der Brust entfernen muss – das bereits technisch so macht, dass sich die Brustform nur minimal ändert. Und dann zum Beispiel: Man schneidet den Tumor aus dem einen Bereich raus und kann dann durch Operationstechniken Gewebe aus dem anderen Bereich der Brust einschwenken, so dass das Loch quasi wieder aufgefüllt ist. Je nach Konstitution des Patienten, je nachdem wie der Körper ist, je nachdem wie das Brustgewebe sich darstellt, wie groß die Brust ist, braucht es unter Umständen gar keine Rekonstruktion im Nachgang, weil man bereits eine onkoplastische Rekonstruktion durchgeführt hat. Das hat auch damit zu tun, wie die Erfahrung und der Kenntnisstand der Chirurgen ist damit. Aber das sind sozusagen auch schon Sachen, mit denen man mit den Patienten im Vorhinein reden kann. Und ich glaube, das zum einen wichtig zu wissen. Das andere ist, glaube ich, das, wo du so ein bisschen hinspielst, ist: Wenn man tatsächlich so weit gehen muss, dass man die – dass man das komplette Brustgewebe entfernen muss, also eine volle Mastektomie, und sich dann damit konfrontiert sieht, dass am Schluss unter Umständen also einfach keine Brust mehr da ist. Was macht man dann? Das ist natürlich ganz stark auch von der Person abhängig, ist auch altersabhängig. Es gibt Patientinnen, die vielleicht schon etwas älter sind und sagen: „Es ist mir ehrlich gesagt egal. Hauptsache der Tumor ist weg und dann lege ich einfach eine Prothese in den BH und gut ist.“ Und es gibt genauso Patientinnen auch im fortgeschrittenen Alter, die sagen: „Ich möchte auf jeden Fall eine Rekonstruktion haben, damit ich mich als Frau fühlen kann und damit ich das Gefühl habe, vollständig zu sein.“ Da gibt es auch verschiedene Untersuchungstools, die wir benutzen, sogenannte PROMs, Patient Reported Outcome Measures, wo wir auch das im Vorfeld versuchen mit Fragebögen zu erarbeiten, wo der Patient ist, um auch das vergleichen zu können. Also es gibt sogenannte Expectation Modules, also wo man versucht herauszufinden: Was ist denn die Erwartung des Patienten im Vorhinein? Wir sind auch dabei, zum Beispiel eine Studie gerade durchzuführen, wo wir auch gucken: Ist es nur die Erwartungshaltung oder ist es manchmal auch, inwieweit ist die Krankheitsverarbeitung dazu sozusagen auch schon abgeschlossen? Weil natürlich ist eine Tumorerkrankung, unabhängig welches Körperteil, ein entscheidender Einschnitt im Leben. Aber gerade auch im Brustbereich ist es natürlich ein sehr sichtbarer Teil und das geht dann auch mit einem Verlust des Selbstbilds teilweise einher und mit Trauerprozessen, also mit der Trauer darüber, dass der Körper nicht mehr so ist, wie er vorher war. Und das ist natürlich auch ein wichtiger Teil des ärztlichen Gesprächs mit dem Patienten, dann auch darüber zu reden, dass wir versuchen so gut wie möglich wieder dahin zu kommen, wo wir waren, aber wir werden nie wieder dahin kommen, wo wir waren. Das wirklich auch klarzumachen und darüber zu reden und sich und dem Patienten natürlich auch die Zeit zu geben, das zu verarbeiten. Auch wenn manche Entscheidungen quasi zeitrelevant sind, weil das die Operationstechniken zum Beispiel beeinflusst. Aber dann ist es ganz wichtig auch, dass man eine sogenannte Erwartungsabstimmung miteinander macht. Also: Was erwartest du als Patient? Was können wir sozusagen guten Gewissens sagen, was wir erwarten, ein realistisches Ergebnis ist, und dass wir da ganz ehrlich sprechen auch miteinander im Vorhinein. Weil es doch immer wieder vorkommt, dass im Nachhinein man das Gefühl hat: „Das war aber nicht das, was wir besprochen hatten“, oder „So hatte ich mir das nicht vorgestellt.“ Und deswegen sind das tatsächlich sehr wichtige und auch nicht einfache, aber essenzielle Gespräche, die wir da in diesem Rahmen führen müssen.
Lasse: Lasse: Ja, also es ist ganz, ganz vielfältig, das hast du ja selber gerade schon aufgeführt. Was wir gefunden haben, war immer so ein bisschen zusammengefasst als psychosoziale Folgen so einer Operation, also zum einen psychisch bezogen auf sich selber, auf die Körperwahrnehmung, auf das Körpergefühl, auf das Identitätsbewusstsein. Und sozial auch auf die eigene Funktion innerhalb der Gesellschaft, auf die eigene Wahrnehmung innerhalb der Gesellschaft, wie sich da die körperliche Veränderung auswirken könnte. Und da gibt es teilweise gravierende Folgen. Und wir haben zum Beispiel eine Studie gefunden, die gefunden hat, dass Brustrekonstruktion im Vergleich zu einer Mastektomie ohne Rekonstruktion teilweise signifikant reduzierte Depressionssymptome bewirken kann oder die Angststörungssymptome auch reduziert. Also es sind auf jeden Fall wichtige Stellschrauben, um sozusagen in der Folge der Krebsbehandlung einen Weg zu finden, damit besser umzugehen für die Patientinnen, würde ich sagen. Okay, wir haben uns jetzt für eine Rekonstruktion entschieden und als Nächstes geht es so ein bisschen darum, wie dieses Implantat dann aufgebaut wird, mit dem rekonstruiert wird. Was genau ist da der Aufbau? Woraus bestehen diese Implantate und wie sehen die überhaupt aus?
Prof. Nicco Krezdorn: Nicco: Wenn wir ein Szenario wählen, wo wir sagen: Okay, wir mussten das Brustgewebe entfernen und haben zusammen mit der Patientin entschieden, es soll nicht mit Eigengewebe sozusagen rekonstruiert werden, sondern mit Hilfe eines Implantats, dann gibt es da sozusagen auch zwei verschiedene Möglichkeiten. Und das ist zum einen auch wieder die Frage des Zeitpunktes. Also reden wir über eine primäre Rekonstruktion? Das heißt, führen wir das im Rahmen des gleichen Eingriffs durch? Das heißt, in dem Eingriff, wo wir auch das Brustgewebe entfernen, implantieren wir ein Implantat, weil wir dann nämlich den Hautmantel zur Verfügung haben der Brust und man nur sozusagen das erkrankte Gewebe entfernt hat und das gesamte sozusagen Drüsengewebe. Und dann gibt es die sogenannte sekundäre Brustrekonstruktion, die man auch mit Implantaten durchführen kann, wo aber die Brust schon entfernt wurde, das heißt die Haut flach ist, wo man zuerst einen Expander zum Beispiel einlegen muss, ein Implantat, Gewebeexpander, der dann über einen längeren Zeitraum mit Flüssigkeit aufgefüllt wird, um die Haut wieder so aufzudehnen, dass man danach diesen Expander gegen ein bleibendes Implantat austauschen kann. Wenn wir jetzt über Brustimplantate selber reden, dann ist das etwas, was, sage ich mal, schon sehr lange etabliert ist. Man hat mit verschiedenen Möglichkeiten gearbeitet und ausprobiert. In den USA zum Beispiel auch sehr lange Kochsalzimplantate verwendet worden, die aber auch ihre Komplikationen hatten. Und man eigentlich heutzutage größtenteils zu silikongefertigten Implantaten greift. Und das sind speziell geformte Silikonstücke, die einer Brustform ähneln, die dann sozusagen in das Gewebe eingebracht werden und dann hinterher sozusagen die Form einer Brust imitieren sollen. Und wenn wir sozusagen über den Aufbau sprechen, dann haben die meistens – das ist von Hersteller zu Hersteller unterschiedlich – die haben meistens verschiedene Schichten: einen inneren Implantat-Teil, einen äußeren Teil und manchmal noch eine Schicht drumherum, die sozusagen sicherstellen soll, dass zum einen das Implantat seine Form behält, die es hat, wenn es eine Form hat, die auch sicherstellen soll, dass es im Gewebe festhaften kann und sich nicht bewegt zum Teil, aber auch möglichst natürlich wenig Reiz für den Körper ausübt. Und da hat man verschiedene Dinge ausprobiert, Sachen, die wir teilweise über Jahre gelernt haben, dann auch wieder sozusagen umgestellt haben. Aber das ist so der grobe Überblick. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen anatomischen und runden Implantaten. Wie der Name schon sagt, ist ein rundes Implantat so geformt, dass man egal wie man es dreht und hält, einfach immer die gleiche Konfiguration hat. Ein anatomische Implantate sind so aufgebaut, dass sie wie so ein Tropfenform einfach unten eine höhere Projektion haben als oben, was man sagt, der natürlichen Brustform eher entspricht. Und das bestimmt dann auch, wo zum Beispiel im Idealfall sitzt die Brustwarze am höchsten Projektionspunkt. Und das definiert dann so ein bisschen auch den chirurgischen Eingriff, während bei anatomischen Implantaten sitzt er ein bisschen weiter unten, der Hauptprojektionspunkt, was dann die optische Form der Brust bestimmt. Und das ist ja das, was man dann auch mit Patientinnen redet: „Okay, was ist das, was man gerne möchte?“
Lasse: Lasse: Auf jeden Fall. Du hast jetzt gerade schon auch ein bisschen über den Aufbau allgemein gesprochen. Da würde ich gerne noch ein bisschen tiefer reingehen. Also du hast gesagt, es gibt welche mit Kochsalzlösung, es gibt welche mit Silikonfüllung. Was ja, glaube ich, alle Implantate gemein haben inzwischen, ist, dass es eine Hülle aus Silikon gibt oder zumindest eine mehrlagige Hülle aus verschiedenen Polymeren, unter anderem Silikon. Was ist denn der aktuelle Stand der Technik, wie diese Implantate gefüllt sind?
Prof. Nicco Krezdorn: Nicco: Eigentlich werden nur noch silikongefüllte Implantate verwendet. Da kann man je nach Hersteller mit verschiedenen Viskositätsgraden arbeiten. Das heißt, Viskosität ist im Endeffekt die Zähigkeit dieser Silikonfüllung. Da müsstest du jetzt dann wahrscheinlich einsteigen. Das hängt sozusagen mit der Polymervernetzung ab und wie sehr die sozusagen festhängen. Man unterscheidet meistens drei Viskositätsgrade. Die Idee ist, je fester ein Implantat ist, desto mehr behält es seine Form, seine eigene Form, die es dann sozusagen auf die Haut und auf die Brust überträgt, während wenn man sozusagen ein weicheres Implantat hat, dann fällt es natürlicher und sozusagen passt sich so ein bisschen mehr dem Körper an und der Körperform der Brust des Implantats als umgekehrt. Hat beides Vor- und Nachteile, weil natürlich ein weicheres Implantat sich natürlicher anfühlt. Aber es gibt auch unterschiedliche Brusttypen, also es gibt festere Brüste, weichere Brüste. Während härteres Silikon, wenn man das so sagen möchte, natürlich auch auf eine Art sich ein bisschen unnatürlicher anfühlt als ein weicheres. Wir wissen aber inzwischen auch, das Problem bei den ganz weichen Silikonteilen teilweise auch ist, dass sie ein bisschen Silikon ausschwitzen oder leichter Silikon ausschwitzen, eben weil es leichter ist, diese Polymere nicht so eng aneinander hängen. Und das heißt, da auch ein erhöhtes Risiko besteht, dass ein bisschen Silikon nicht ausläuft in dem Sinne, aber sozusagen kleine Bruchteile davon rauskommen, die dann Immunreaktionen zur Folge haben. Und das ist dann teilweise auch vergesellschaftet mit ein paar von den bekannten Komplikationen, die wir von allen Implantaten kennen, die aber wahrscheinlich in dieser Untergruppe ein bisschen höher sind. Und das geht so ein bisschen auch einher mit der Oberflächengestaltung. Es gibt sogenannte texturierte Oberflächen, die aufgeraut sind. Da gibt es mikrotexturierte und makrotexturierte. Und dann gibt es sogenannte glatte Implantate. Auch da wieder – ohne jetzt, ich möchte niemanden verwirren, aber vereinfacht gesprochen – glatte Implantate gibt es aktuell in erster Linie runde, während sozusagen die anatomischen auch in texturierter Form vorhanden sind. Am Ende des Tages ist es sozusagen so, dass wir auch mit den Patienten immer sehr individuell reden müssen, weil verschiedene Implantatformen verschiedene Vorteile und Nachteile haben. Und es gibt aktuell leider kein Implantat, das alle Vorteile vereint. Deswegen – also nur als Beispiel – wir wissen, es gibt eine seltene Komplikation bei Implantaten, aber die gibt es und über die muss man Patienten auch aufklären: das ist ein sogenanntes BIA-ALCL. Das ist ein Brustimplantat-assoziiertes Lymphom, also eine Immunzellkrebs als Reaktion auf dieses Implantat. Denn Silikon ist ein Fremdkörper. Wenn man Fremdkörper in den Körper einbringt, dann hat der Körper genau drei Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Das eine ist, der Körper versucht es umzubringen. Das geht nicht, weil Silikon quasi nicht biologisch ist. Das zweite ist, er versucht es rauszuschmeißen. Das heißt, Abszesse, Fisteln zum Beispiel sind Komplikationen. Das ist der Versuch vom Körper, dieses Implantat aus dem Körper rauszubringen. Wenn das auch nicht geht, dann baut der Körper eine Kapsel drumherum, um sich davor zu schützen und den Körper davor zu schützen. Das heißt, ein ganz normaler Prozess. Alle Implantate bekommen früher oder später eine Kapsel drumherum. Wie stark diese Kapselausbildung jetzt ist, ist individuell abhängig von verschiedenen Faktoren. Wir wissen zum Beispiel, wenn es bei dem Einbringen bakterielle Verunreinigung gab, dann ist das Risiko höher, dass so eine Kapselfibrose entsteht, also eine Kapselbildung. Und eine Fibrose heißt, dass diese Kapsel schrumpft im Laufe der Zeit, was Probleme machen kann und Schmerzen. Wir wissen aber zum Beispiel auch, dass jetzt das mikrotexturieren mit einem geringeren, aber doch relevant höheren Risiko einhergeht, eine Kapselfibrose zu entwickeln als glatte Implantate. Beziehungsweise andersrum gesagt, dass wir wissen, dass sozusagen dieses ALCL, dieses Lymphom bei glatten Implantaten niedriger ist als bei runden Implantaten – jetzt habe ich es umgekehrt gesagt – aber die Kapselfibrose sozusagen bei den Glatten höher ist. Und das macht es halt sozusagen so schwer, weil man kann nicht sagen: „Ja, dann sollen alle glatte Implantate nehmen.“ Da hat man das eine Risiko erhöht und das andere aber erniedrigt. Also es ist am Ende des Tages ist es eine Risikoabschätzung, die man mit dem Patienten zusammen diskutieren muss, wo man sagen muss: „Kein Risiko gibt es nicht. Für ein Risiko müssen wir uns entscheiden. Und welches das ist, das ist dann eine individuelle Entscheidung.“
Lasse: Lasse: Kapselfibrose ist ja, soweit ich das verstanden habe, eine der häufigsten Komplikationen, die auftreten können. Eine weitere Komplikation, die wir gefunden haben in den Recherchen, ist die sogenannte Breast Implant Illness, also quasi, soweit wir das verstanden haben oder soweit ich das verstanden habe, ist das schwer zu definieren, was genau das ist, außer eine Ansammlung von Symptomen, die auftreten können und die teilweise im Zusammenhang mit Implantaten gebracht werden, aber auch hauptsächlich nur, weil sie nach der Implantation auftreten und bei manchen Patientinnen verschwinden, nachdem das Implantat wieder entfernt wurde. Was kann ich mir darunter jetzt genau vorstellen?
00:24:47: Nicco: Ja, ich glaube, du hast das schon sehr gut zusammengefasst. Wir können es nicht ganz genau sagen. Es geht wahrscheinlich auch in die Richtung chronische Fibromyalgie, diese diffus beschriebenen immunologischen Erkrankungen, die im Endeffekt auf eine Immunreaktion zurückzuführen sind. Und wie ich schon gesagt habe, der Körper versucht Fremdkörper aus dem Körper fernzuhalten. Und wenn das nicht geht und man sozusagen diese Silikon dauerhaft im Körper hat, dann gibt es bei manchen Frauen oder bei manchen Menschen einfach eine chronische chronifizierte, dauerhafte Reaktion gegen dieses Implantat, was dann unspezifische Symptome oder sehr unterschiedliche Symptome mitführen kann. Das kann dauerhafte Müdigkeit sein, Abgeschlagenheit, Gereiztheit, psychische Irritabilität. Also wir wissen bis jetzt nicht oder wir haben keinen guten, ja Marker, möchte man sagen, um im Vorhinein abzuklären und zu sagen: „Es ist möglich, dass diese und diese Patientenkategorie ein höheres Risiko hat, eine sogenannte Breast Implant Illness zu entwickeln, weswegen wir dann vielleicht nicht empfehlen würden, ein Implantat zu nehmen, sondern eine autologe Rekonstruktion.“ Das wird aktiv beforscht, aber wir sind noch nicht da, dass wir das sozusagen richtig gut einschätzen können. Es ist tatsächlich auch nicht so häufig, aber es ist natürlich etwas, worüber man auch informieren muss, das kann auftreten. Genauso wie ein sogenanntes Red Breast Syndrome. Das ist auch am ehesten ein immunologischer Prozess, wo die Brust rot wird, was aber auch auf einen immunologischen Prozess hinweist. Und wenn man das Implantat entfernt, geht das weg. Also hatte es irgendwas damit zu tun.
Lasse: Lasse: Ja, es ist immer kompliziert in der Medizin, was die Ursachen angeht, fürchte ich. Einmal zur Einordnung: Du hast gerade von autologen Implantation gesprochen oder Rekonstruktion – mein Fehler – das bezeichnet Rekonstruktionen, die mit körpereigenem Material durchgeführt werden im Vergleich zu implantatgestützten Rekonstruktionen, wo eben dieses Silikonimplantat eingeführt wird. Einmal damit alle wissen, worum es geht. Du hast jetzt eben auch schon über die Oberflächen gesprochen und die verschiedenen Formen und Materialien, die verwendet werden. Hat denn das alles auch einen Einfluss darauf, wie das Implantat am Ende in den Körper eingesetzt wird? Also es gibt ja zwei Hauptarten und Weisen, wie das implantiert wird: einmal unter der Haut, aber über dem Brustmuskel, und einmal unter dem Brustmuskel. Was genau ist der Entscheidungsprozess, wofür sie sich entscheiden?
00:27:01: Nicco: Ja, auch das hängt von vielen Faktoren ab. Es gibt leider nicht einfache Entscheidungsprozesse. Es hängt zum Beispiel davon ab, wie dick der Hautmantel ist. Also wie wenn man das Brustgewebe entfernt hat, ist sozusagen der Hautmantel sehr, sehr dünn oder ist er ein bisschen dicker und hat noch ein bisschen Fettgewebe drunter? Es hängt davon ab, wie die Brustform vorher war. Ist es zum Beispiel eine ptotische Brust, also eine Brust, die schon ein bisschen hängt? Oder ist es eine sehr große Brust im Vergleich zu einer sehr kleinen Brust? Und all das hat ein Ausschlag darauf, wo man ein Implantat hinplatziert. Das hat auch was damit zu tun, wie groß das Implantat ist, weil das natürlich auch ein Gewicht mitbringt. Weil das kann man sich natürlich auch relativ leicht vorstellen, weil dieses Implantat, wenn es da sitzt, ja theoretisch auch auf die Haut drückt. Das kann dann sozusagen zu Durchblutungsstörungen führen, wenn das Gewicht zu groß ist in einem Bereich, zum Beispiel gerade wenn man primär ein Implantat einbringt, das heißt in der gleichen Operation, wo das Brustgewebe entfernt wurde. Ja, dann ist dieses Gewebe ja sozusagen gerade operiert worden und dadurch auch ein bisschen vulnerabel, also ein bisschen verletzbar. Und da gab es, möchte man sagen, so ein bisschen auch basierend auf dem jeweils damals zur Verfügung stehenden Wissen gewisse Empfehlungen. Man hat früher über dem Brustmuskel implantiert, dann hat man von der damaligen Studienlage gedacht: Das ist mit höheren Komplikationsraten, höheren Kapselfibroseraten verknüpft, deswegen war dann lange die Empfehlung, dass man das eigentlich immer unter den Brustmuskel setzen soll. Das heißt, man muss im Rahmen der Operation den Brustmuskel am unteren Teil ein bisschen anheben, das Implantat drunter setzen. Und dann macht man oft noch ein sogenanntes Mesh, also ein künstliches Netz, das wie so ein kleiner BH innen das Implantat unter dem Brustmuskel unter diesem Netz versteckt und in der Position hält, damit eben nicht so Druck zum Beispiel auch auf die Haut kommt. Jetzt haben wir in den neuesten Studien wieder gelernt, dass es wahrscheinlich tatsächlich doch keinen Unterschied macht, ob es auf oder unter dem Muskel ist. Damit hängt es wieder ein bisschen davon ab, welche Form haben wir gewählt, was möchte der Patient, wie ist sozusagen das individuelle Gewebe. Das heißt, es gibt leider – ich weiß, dass ich mich sozusagen hier immer wieder ausweiche – aber es gibt tatsächlich nicht die eine Empfehlung.
Lasse: Lasse: Ja, also ich glaube, das ist gar nicht verkehrt. Also es ist mit – auch das hatten wir gleich schon zum Anfang gesagt – ja super wichtig, einfach in die Kommunikation zu gehen und quasi zu jedem Zeitpunkt alles offen zu kommunizieren, unter anderem halt auch welche Risikofaktoren es gibt, was genau die Entscheidungsprozesse sind dahinter, welches Implantat verwendet wird, ob überhaupt ein Implantat verwendet wird, wo das dann im Endeffekt eingesetzt wird. Das ist ja super abhängig davon, was die Umstände sind. Das ist für jede Patientin unterschiedlich. Ich würde noch einmal gern kurz auf Kapselfibrosen ein bisschen konkreter nur darauf eingehen. Was genau ist denn eine Kapselfibrose? Wie sieht die aus und was daran ist jetzt ein Krankheitsbild?
Prof. Nicco Krezdorn: Nicco: Ja, also wie ich schon gesagt habe, wenn der Körper einen Fremdkörper nicht entfernen kann, dann bildet er eine Kapsel drumherum. Das heißt, es ist im Endeffekt Bindegewebe, oder man kann sich das wie Narbengewebe vorstellen. Da sind zum Beispiel sogenannte Fibroblasten drin, das sind sozusagen Zellen, die Narbengewebe herstellen. Fibrose hat man vielleicht schon mal gehört, das ist nichts anderes sozusagen als eine Vernarbung. An und für sich hat das noch keinen Krankheitswert. In diesen Fibroblasten gibt es aber auch Zellen, die sozusagen myofibroblasten heißen. Also Fibroblasten, die so einen kleinen Muskelanteil haben, die sich zusammenziehen können. Und das ist ein normaler physiologischer Prozess eigentlich, dass wenn wir eine Wunde haben irgendwo an der Haut, dann ist es ja gewünscht, dass sich diese Haut zusammenzieht und schließt und diese Wunde vernarbt. Und das ist im Endeffekt das, was diese Zellen machen. Die halten sich fest und dann ziehen sie sich zusammen. Und das kann in einer dieser Kapselbildung auch passieren, dass dann diese Kapsel sich im Lauf der Zeit zusammenzieht, also schrumpft. Eine Kapselkontraktur nennt man das im Medizinischen. Und das ist ein immunologischer Prozess auch. Das kann über Jahre passieren. Das kann ausgelöst sein durch die Oberfläche, das kann durch ausgelöst sein durch eine bakterielle Besiedelung, das kann ausgelöst sein durch eine Infektion an irgendeiner anderen Stelle im Körper, die dann eine starke Immunreaktion auslöst, wo das Immunsystem dann sozusagen wieder zusätzlich anfängt, das Implantat zu attackieren. Das kann viele Gründe haben. Aber das Endergebnis ist, dass sozusagen diese Kapsel schrumpft. Und dadurch dieses Implantat verformt, teilweise auch rupturiert, also dass dann das Implantat kaputt geht oder Silikon austritt. Das sind die ganz schweren Formen. Man teilt das ein in vier Grade, das sind klinische Untersuchungsgrade 1 bis 4. Eins ist sozusagen: Ja, es gibt eine Kapsel. Vier ist sozusagen eine so schmerzhafte und verformte Kapsel, dass die Lebensqualität der Patientin teilweise sehr stark eingeschränkt ist. Und da gibt es dann Empfehlungen auch, dass man die Kapsel entfernt, das alte Implantat entfernt und entweder mit einem neuen Implantat ersetzt, wenn man das möchte, oder dann eine autologe Rekonstruktion wählt oder gar nichts macht. Da kann man dann zum Beispiel auch einen sogenannten Logenwechsel durchführen. Das heißt, wenn es vorher über dem Muskel war, dann würde man danach unter den Muskel gehen, um das Risiko zu reduzieren, dass so eine Kapselfibrose wieder auftritt. Wir wissen aber auch, wenn man einmal eine Kapselfibrose hatte und ein neues Implantat einlegt, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Kapselfibrose wieder auftritt, immer gegeben, haben wir gesagt, weil es ja wieder ein neues Silikonimplantat ist. Aber der Abstand wird wahrscheinlich kürzer. Okay, das kann man nicht garantieren. Aber wenn man sagt: Im Durchschnitt entsteht eine Kapselfibrose vielleicht nach 15, 20 Jahren, und dann hat man eine erneute Implantat-Einbringung, weil man diese Kapselfibrose behandelt, dann wird es wahrscheinlich eher 5 bis 10 Jahre beim nächsten dauern. Also auch wichtig, dem Patienten das zu vermitteln. Wenn man sehr jung ist zum Beispiel und sich für Implantat entscheidet, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass man im Lauf seines Lebens irgendwann mal eine Kapselfibrose bekommt und das austauschen muss. Das muss man einfach wissen. Die Daten, die wir haben, basieren natürlich jetzt auf den Implantaten, die 15 bis 20 Jahre alt sind. Von denen sehen wir das jetzt. Die neueren Implantate, die wir haben, haben das hoffentlich später oder nicht. Aber das lernen wir halt erst in 15 bis 20 Jahren. Das heißt, das ist auch ein laufender Prozess, wo wir auch immer wieder neu dazulernen, wo wir auch uns neu anpassen müssen mit den neuesten wissenschaftlichen Daten. Und da auch Dinge, die wir für gegeben gesetzt haben, teilweise über Bord schmeißen und die Patienten dann mit dem aktuell besten Wissen und Gewissen aufklären über das, was wir wissen.
Lasse: Lasse: Ja, da hast du zwei sehr wichtige Sachen angesprochen, und eine davon bringt mich auch schon zu einer guten Frage. Davor ganz kurz: Es ist ja, glaube ich, allgemein einmal wichtig zu sagen, dass in den meisten Fällen oder ich glaube sogar immer Silikonimplantate nicht für die Ewigkeit sind. Sowie andere Implantate auch, beispielsweise künstliche Hüften, das sind alles Dinge, die nach einer gewissen Zeit ersetzt werden müssen. Das ist ja zum Beispiel bei der autologen Rekonstruktion anders, wenn ich es richtig verstanden habe, weil da Eigengewebe verwendet wurde, kann das in dem Sinne lebenslang in der Form weiterbestehen, richtig?
Prof. Nicco Krezdorn: Nicco: Korrekt, ja.
Lasse: Lasse: Okay. Du hast jetzt gerade schon drüber gesprochen, dass sich natürlich das Wissen laufend ändert und wir laufend dazu lernen. Wo siehst du denn die Zukunft von Brustimplantaten oder Rekonstruktion im weiter gefassten Sinne? Also siehst du da eher weitere technologische Verbesserungen oder siehst du die Zukunft irgendwann dann in weiter Zukunft bei zum Beispiel gezüchtetem Gewebe, künstlichem Gewebe? Oder wo siehst du die Reise hingehen?
Prof. Nicco Krezdorn: Nicco: Das ist eine große Frage. Da kann ich jetzt auch viel sagen. Ist die Frage auch, welchen Zeithorizont man anschaut. Wir arbeiten proaktiv zum Beispiel schon an Versuchsaufbauten, wo wir versuchen Implantate 3D zu drucken und mit eigenem Körperfett zum Beispiel auch auszustatten, so dass die im Lauf der Zeit vom Körper integriert werden. Also dass es biokompatibles Material ist, das eben kein Fremdkörper ist.
Lasse: Lasse: Dazu ganz kurz: Biokompatibel bedeutet, dass es der Körper annimmt, dass es nicht abgestoßen wird vom Körper, sondern eher kaum bis wenig interagiert oder sogar positiv interagiert.
Prof. Nicco Krezdorn: Nicco: Genau. Es gibt verschiedene Ansätze. Wir arbeiten in einem anderen Forschungsprojekt daran zu gucken, ob man sozusagen Materialien verwendet, die völlig inert sind, also die sozusagen keinerlei Reaktion auslösen. Wie gesagt, diese 3D-konstruierten Sachen aus Material, das der Körper entweder abbauen kann – also das ist wie Nahtmaterial am Endeffekt – dann ist es theoretisch auch denkbar, dass wir in irgendeiner Zukunft Gewebe nehmen können und daraus etwas drucken können mit dem Gewebe des eigenen Patienten tatsächlich. Da wird sich viel tun und viel bewegen. Ich glaube aber auch gleichzeitig, dass wir, was die Behandlung von Tumoren angeht, da wird sich auch sehr viel tun. Es gibt jetzt schon erste Versuchsaufbauten mit Ultraschall-gestützten Operationen, wo man eventuell gar nicht mehr chirurgisch eingreifen muss. Wir hatten es am Anfang gesprochen auch: Wann entdeckt man einen Tumor? Je früher man den theoretisch entdeckt, haben wir andere Behandlungsmöglichkeiten. Das kann sein mit Chemotherapeutika, das kann auch sein mit – wir arbeiten teilweise auch mit Forschungsprojekten daran, dass man eventuell Vehikel hat, die auch über die Blutbahn sozusagen gegeben werden können, die dann dorthin gehen, wo der Tumor ist und da vor Ort Stoffe abliefern, die sozusagen die Tumorzellen dort vor Ort töten. Da ist so viel Bewegung in ganz vielen Bereichen, sowohl in der Onkologie als auch in der Radiologie, dass die Wahrscheinlichkeit, dass wir in 15 bis 20 Jahren sage ich mal noch in dem Stil großflächig Brustgewebe entfernen müssen, sehr gering ist. Also es wird sicher immer irgendwelche Sonderfälle geben. Aber ich glaube, im Großen und Ganzen werden wir sehr viel gezielter werden, sehr viel mehr minimalinvasiv, sodass ich glaube, dass wir auch viele von den Techniken, die wir heute benutzen und benutzen müssen, weil wir einfach nichts Besseres haben, unter Umständen gar nicht mehr brauchen.
Lasse: Lasse: Ich wollte gerade sagen, das klingt nach einer sehr hoffnungsvollen guten Zukunft. Einmal zusammenfassend: Wir haben uns jetzt befasst mit den Gründen, warum Rekonstruktion durchgeführt werden beziehungsweise den Verwendungszwecken von Implantaten. Wir haben uns damit beschäftigt, wie so ein Implantat aufgebaut wird und wie es in den Körper eingeführt wird – also ob das über dem Brustmuskel, unter dem Brustmuskel passiert, ob es vielleicht gar kein Implantat verwendet wird, sondern stattdessen körpereigenes Gewebe verwendet wird. Und wir haben uns so ein bisschen angeschaut, welche Komplikationen auftreten können und welche Ursachen es gibt und welche Ansätze bisher verfolgt wurden, um diese Komplikationen zu verhindern oder denen vorzubeugen oder die abzuschwächen. Meine letzte Frage an dich wäre: Was würdest du dir wünschen, worüber mehr gesprochen wird in diesem Themenbereich oder was würdest du unseren Hörerinnen und Hörern gerne mitgeben?
Prof. Nicco Krezdorn: Nicco: Es ist immer schwer zu sagen, worüber gesellschaftlich gesprochen werden soll. Ich glaube, das Wichtige ist, dass man keine Angst hat darüber zu sprechen. Das ist das Wichtigste. Wir alle leben in einer Welt, wo es Risiken gibt. Genauso wie man das Risiko hat, dass man vor die Tür geht, von – überfahren werden kann, theoretisch – ist ein geringes Risiko, aber das Risiko gibt es auch. Wenn wir lang genug leben, haben wir alle ein statistisches Risiko, dass wir in irgendeiner Form Tumoren entwickeln, weil wir einfach auch sehr viel länger leben als wir das vielleicht früher getan haben. Und ich glaube einfach eine Aufmerksamkeit dafür – das hat sich ja auch was mit Lifestyle zu tun – das kann ich sozusagen als Arzt immer nur empfehlen, dass man guckt, dass man so risikoarm – das heißt nicht zwingend langweilig – aber einfach so risikoreduzierend einen Lifestyle wählt, wie das möglich ist, dass man sich natürlich seiner Familiengeschichte bewusst ist und dass man keine Angst hat, sich selber zu untersuchen und damit dann auch sozusagen an Gesundheitspersonal ranzutreten. Etwas, was wir dann leider doch auch immer wieder sehen – und das gilt jetzt nicht nur für Brust, sondern generell – ist manchmal so eine sehr menschliche und sehr nachvollziehbare Tendenz, dass man findet irgendwas oder es ist irgendwas komisch im Körper und man möchte nicht zum Arzt gehen, weil man Angst hat, dass es was ist. Das ist verständlich. Aber es geht ja nicht weg davon. Je eher wir sozusagen ausschließen können, ob es was ist oder nicht, können wir auch was tun. Weil wenn es nichts ist, dann können wir beide sozusagen viel schneller fröhlich sein. Wenn es was ist, dann können wir aber auch rechtzeitig was dagegen tun. Und ich glaube, das ist mir, glaube ich, ein Anliegen, einfach keine Angst davor zu haben und nicht die Augen zu verschließen.
Lasse: Lasse: Kann ich, glaube ich, genauso unterschreiben. Ich sage nicht, dass ich frei davon bin, ich habe auch selber schon bin ich nicht zum Arzt gegangen, obwohl ich es vielleicht hätte tun sollen. Jetzt nicht in so einem schlimmen Fall, sondern eher bei einer Erkältung. Aber ich glaube, wir sind alle nicht frei davon. Dann würde ich sagen: Nicco, danke dir für deine Zeit, dass du dir die Zeit genommen hast, dass du all meine Fragen so ausführlich und tief beantwortet hast. Ich möchte mich darüber hinaus noch bei Marianna und Marc bedanken, also unseren Dozenten, die das überhaupt ermöglicht haben, dass wir diesen Podcast hier aufnehmen können, und natürlich auch bei meiner Gruppe. Ich bin nicht alleine in dieser Folge, es gibt noch ein ganzes Team an Leuten, die im Hintergrund arbeiten, die das Ganze recherchiert haben, die zusammen mit mir das Skript vorbereitet haben und die jetzt in der Postproduction auch noch das Ganze schneiden werden und die Social-Media-Beiträge machen. Das heißt, ist eine Gruppenaufgabe. Wir stecken da alle mit drin. Und ansonsten gibt es noch andere Folgen, die entstanden sind im Rahmen dieser Vorlesung. Da gibt es auch viele spannende Themen, die behandelt wurden, wie Wundauflagen oder Gesäßprothesen. Die können sich gerne angehört werden. Und soweit ich das verstanden habe, soll auch im nächsten Semester wieder neue Folgen entstehen. Das heißt, es lohnt sich auf jeden Fall dranzubleiben und auch immer mal wieder reinzuschauen, was da für neue spannende Themen behandelt wurden. In diesem Sinne: Danke dir, Nicco, und dir noch eine schöne Woche!
Prof. Nicco Krezdorn: Nicco: Ja, vielen Dank auch für die sehr gute Vorbereitung, an dich und das ganze Team, und ja, viel Erfolg weiterhin!
Lasse: Lasse: Dankeschön.